ARD, Sonntag, 21., 28. Juni und 5. Juli, jeweils 10 Uhr: „Das letzte Jahr der Sowjetunion“

Wie einen Ausbruch aus langer Haft empfindet die junge Georgierin das, was in Tbilissi geschieht. Sie sitzt im Zentrum der Stadt, auf einem weiten Platz mit jungem Gras, dort, wo vor kurzem noch das Lenindenkmal stand. Ihre Gesten nehmen Besitz von dem, was sie umgibt; das kann nun alles anders werden, und sie wird dabei mittun. Ein Jahr darauf sehen wir sie wieder, nachts, auf einem schäbigen Balkon. Ihr georgischer Enthusiasmus ist schon zu bösem Spott geworden: Es war, sagt sie, doch nur ein Ausbruch in die Nachbarzelle.

Die Autoren der Dokumentation, Jens Meurer und Walter E. Franke, haben diesen Sektrausch des nationalen Aufbruchs auch bei anderen Völkern entdeckt. Sie haben das Riesenreich in den Jahren 1990 und 1991, kurz vor seinem Zerfall, durchstreift, inoffiziell und mit der Neugier auf Alltägliches. Sie haben die Menschen für sich sprechen lassen. Sie haben enttäuschte Hoffnung gefunden, was das Politische betrifft, die Perestrojka: immer wieder der Satz, daß alles nur noch schlechter wurde. Keine Zeichen einer neuen Ordnung nach dem Ende der alten, kaum Lebenszeichen einer neuen Klasse, die die notwendige Veränderung ins Werk setzen könnte. Kein Bürgertum, erst recht keine demokratischen Traditionen. Statt dessen die lang geübte Gewohnheit, „an der Leine des Staates zu gehen“.

Was sie aber auch gefunden haben – und dieser Fund macht den Film wertvoll –, das sind intakte und bewährte Strukturen des Überlebens. Der Blick von unten zeigt eine Sowjetunion, die, wie man im Westen sagt, „zerfällt“ und in der doch starke integrative Kräfte erwacht sind. Was zerfällt, ist das Skelett einer Großstruktur, den einzelnen so fern und fremd, daß sie von ihnen nur bekam, was sie erzwang. Was lange brachlag und nun in einer merkwürdig folkloristischen Kostümierung erwacht, ist die Sehnsucht nach Eigenart, nach einem selbstbestimmten öffentlichen Leben. Der vorläufige Name dieser Sehnsucht ist: Nation.

Der Blick von unten zeigt eine Sowjetunion, in der, wie man im Westen meint, Not herrscht, wo sich aber dennoch niemand darüber beklagt, wo man viel Geduld hat, solange es Tee und Brot und Zucker gibt. Der Film lehrt, wie wenig unser gewohnter politischer Blick auf andere Länder uns über das wirkliche Leben lehren kann. Er lehrt, wie wenig unsere „Hilfe“ vermag, wo man sich in weit schlechteren Zeiten auch zu helfen wußte. Und wie unangebracht unsere Ratschläge in Sachen Demokratie und Freiheit dort sind, wo man ganz andere politische Begriffe hat.

Auch diese schöne Dokumentation kann nicht mehr liefern als den Blick von außen. Der Film trägt den paradoxen Versuch in sich, das fremde Dasein erfahrbar zu machen durch bloße Anschauung, ohne daß man es leben müßte. Es bleibt immerhin der Eindruck, daß sich auch in dieser weiten östlichen Region viel weniger verändern als erhalten bleiben wird von dem, was dort gewachsen ist. Da man die Völker der einstigen Sowjetunion in ihrer Andersartigkeit wohl nur so respektieren kann, wie sie sind, will man nicht in Verdacht geraten, sie dem fremden Blick des Westlers – ein anderer Blick steht uns nicht zu Gebote – und einer fremden Ambition zu unterwerfen. Martin Ahrends