Von Michael Schwelien

Nachdem ein Vortrupp französischer Ingenieure den Flughafen von Sarajevo am Montagmorgen inspiziert hatte, meldete er dem UN-Hauptquartier in Belgrad: „Im wesentlichen funktionsfähig.“ Auch der Waffenstillstand, den Kroaten, Muslime und Serben am Wochenende unterzeichnet hatten, schien zu halten: „Wir hörten sechs oder sieben Detonationen, aber nur von Granaten, nicht von Mörsern.“

Es sind Strohhalme, die inmitten des Mordens wie Rettungsbalken erscheinen. Tausend kanadische UN-Soldaten sind zwischen den Adriastädten Sibenik und Split zum sofortigen Einsatz bereitgestellt worden. Aber erst, wenn sich der Waffenstillstand als „effektiv und dauerhaft“ erweist, wird das kanadische Infanteriebataillon nach Sarajevo verlegt werden. Was normalerweise für einen Militärkonvoi eine Fahrt von einem halben Tag wäre, kann jetzt viel länger dauern.

Kommen sie tatsächlich in Sarajevo an, dann dürfen die Kanadier nur darüber wachen, daß am Flughafen „glaubwürdig demobilisiert“ wird. Wenn sich überdies die elektronischen Landehilfen des Flughafens als funktionsfähig erweisen, können auch Hilfslieferungen in die Stadt geflogen werden. „Bestenfalls“, sagt Mik Magnusson, Verbindungsoffizier der UN-Truppen in Zagreb, „wird der Flughafen am Wochenende geöffnet.“ Für Tausende von zivilen Opfern träte selbst dieser beste Fall zu spät ein. Als vergangene Woche der serbische Postangestellte Rade Kovačević die Telephonleitungen nach Sarajevo zerstörte, hatten die Serben ein weiteres Ziel erreicht. Unter dem Mantel des Schweigens konnten sie ihren Vernichtungszug für Großserbien fortführen. „Werft Bomben auf Sarajevo, verschont kein Objekt“, befahl General Ratko Mladić über Funk. Unlängst noch hatte er als Offizier in der jugoslawischen Bundesarmee kommandiert. Dann aber stellte er sich und seine Truppen in den Dienst der „serbischen Republik Bosnien-Herzegowina“, mit bester Ausrüstung und schwerstem Gerät. „Ich werde Sarajevo untergehen lassen wie Vukovar“, höhnte er in der Belgrader Zeitung Vreme.

Sein nationalistischer Wahn kalkulierte eigene Opfer ein. „Schießt am besten dorthin, wo am wenigsten Serben sind“, ordnete er für Sarajevo an. Fünf Straßen führen in die Stadt. Die historische Altstadt und das moderne Zentrum liegen im engen Tal der Miljacka. Um die Dörfer in den Nebentälern sind in den vergangenen Jahrzehnten moderne Wohn- und Industriegebiete entstanden. Volkswagen baut in einem hochrationalisierten Werk den Golf. Vierzigtausend Einheimische haben die Appartementhäuser der Athleten nach den olympischen Spielen von 1984 im Stadtteil Dobrinja bezogen. Das Leben dort, nicht das in den wenigen Gassen um die Basare und Moscheen im Zentrum ist typisch für die Stadt, die vor dem April mehr als eine halbe Million Einwohner zählte. Und typisch ist dort auch das Sterben.

Die Lage von Dobrinja erwies sich für die Bewohner als verhängnisvoll; den serbischen Terroristen gereichte sie zum Vorteil. Mit den Waffen der jugoslawischen Volksarmee schössen die Freischärler von den Berggipfeln auf die Hochhäuser. Vielleicht 300 000, höchstens 400 000 Menschen leben jetzt noch in Sarajevo. Serbische Bosnier konnten sich nicht sicherer fühlen als kroatische oder muslimische. Wie auch? Die Freischärler lagen ja in Stellungen, von denen aus sie keine Unterschiede ausmachen konnten. Erwischten sie Angehörige der eigenen serbischen Minderheit auf der Flucht, dann preßten sie diesen noch hohe Schutzgelder ab. An den Straßensperren mußten sich die Männer ausziehen. Beschnittene, also Muslime, wurden sofort erschossen.

Niemand kennt die genaue Zahl der Toten. Von 7000 sprach vergangene Woche die Regierung der neuen Republik Bosnien-Herzegowina. Sie muß sich auf Meldungen von Krankenhäusern und Friedhöfen verlassen. Und die sind längst nicht mehr in der Lage, Todesursachen festzustellen und Leichen zu begraben. Der Mufti von Kroatien, Sefko Omerbašić, glaubt indes, es seien mindestens 30 000 Muslime getötet worden.