Von Christian Tenbrock

Kim Yang II ist ein kleiner, gedrungener Mann mit einer großen Energie. Wenn er spricht, redet sein ganzer Körper mit – vor allem dann, wenn er wütend ist. Und Kim ist wütend. Vier Geschäfte habe er verloren, die Arbeit von zwanzig Jahren sei in Flammen aufgegangen. An Recht und Gerechtigkeit glaube er nicht mehr, der Regierung könne man kaum trauen, der Polizei ebensowenig. Rassismus herrsche in Amerika. "Aber was sollen wir tun?", fragt Kim dann und bewegt seine 150 Zentimeter aus dem Sessel. "Aufgeben können wir nicht. Wir müssen weitermachen. Wir müssen an der Versöhnung arbeiten, mehr Verständnis füreinander haben."

Vor zwei Jahrzehnten war Kim Yang II aus dem Süden Koreas ins Land seiner Träume gekommen. Ende April wurden seine vier Supermärkte in den Ghettos von Los Angeles von Plünderern überrannt und in Brand gesteckt. Noch immer steht Kim der Schmerz ins Gesicht geschrieben. Und dennoch will er mithelfen, die Wunden zu heilen, die die blutigen Rassenunruhen in seiner Wahlheimat geschlagen haben. Ein Foto, das ihn mit dem vermummten Führer einer der berüchtigten Straßengangs aus der Millionen-Metropole zeigt, brachte es bis auf die Titelseite der Los Angeles Times. "Reden hilft", sagt der Geschäftsmann.

Nicht alle denken wie er. Sechs Wochen nach der Orgie der Gewalt, die 46 Menschen das Leben kostete, fördern Gespräche mit Schwarzen und Weißen, Koreanern und Latinos immer wieder Angst und Mißtrauen, Hilflosigkeit und offene Feindschaft zutage. Der Schock über den dreitägigen Rassen- und Klassenkampf sitzt tief.

Von Versöhnung und Wiederaufbau wird zwar oft gesprochen, aber niemand scheint genau zu wissen, wie man beginnen soll. In Washington streiten die Politiker über den besten Weg, den urbanen Wüsten neues Leben einzuhauchen. In Los Angeles versucht sich eine Organisation mit dem hehren Namen Rebuild L.A. an dieser Aufgabe. Aber in ihrem winzigen Bürogebäude unter den Glastürmen der City sind gerade erst die Telefone installiert. Fast alles andere fehlt – von Mitarbeitern bis zu Möbeln. Und ein paar Kilometer weiter südlich, an den Suppenküchen der First African Methodist Episcopal Church im Ghetto von South Central Los Angeles, stehen derweil die Armen und Arbeitslosen weiter um Essen an. Nicht nur Kim Yang IIs amerikanischer Traum ist zerbrochen.

Can we all get along, können wir nicht alle miteinander auskommen, heißt es auf einem Plakat am Hollywood Freeway. Rodney King hatte diese Worte gesprochen, der schwarze Bauarbeiter, der von vier Polizisten brutal zusammengeschlagen worden war. "Nicht schuldig", lautete für diese Polizisten am 29. April das Urteil der fast ausschließlich weißen Geschworenen vor einem Gericht in einem Vorort von Los Angeles. Mit diesem Spruch begann der Aufruhr.

Die Bilanz: 4200 Geschäfte, Supermärkte, Restaurants und Tankstellen, die ausgeraubt oder ein Opfer der Flammen wurden. Mindestens 40 000 Menschen, die ihren Job verloren haben. Ein Sachschaden, der auf eine Milliarde Dollar geschätzt wird. Eine Tourismusbranche, die mehr als 500 Millionen Dollar verlieren dürfte, weil verängstigte Urlauber ausbleiben. In South Central und Watts, in Hollywood und Koreatown säumen verkohlte Ruinen die Straßen, nur Mauern und Stahlgerippe sind von den Gebäuden übriggeblieben. Wo die Plünderer wüteten, steht oft ein closed – geschlossen – auf der notdürftig mit Holz vernagelten Tür. Viele Geschäfte, selbst die nicht zerstörten, werden wohl nie wieder öffnen.