2. Frankreich

Die Schule der Nation ist die Schule – so haben es unsere Nachbarn stets verstanden. Ist das auch in Europa noch möglich?

Von Joachim Fritz-Vannahme

Was passiert eigentlich, wenn das Eisentor ins Schloß fällt, die Klingel verhallt, der Kinderlärm hinter den hohen Fenstertüren der Eingangshalle verebbt? Acht Uhr dreißig, wir stehen draußen, die Kinder toben drinnen, und hoch droben winkt gelangweilt die Trikolore.

Und der Unterricht? Adrian, unser siebenjähriger Sohn, erzählt: "Nach dem Klingeln stellen wir uns in Zweierreihen auf und warten auf unsere Lehrerin. Mit der geht es die Treppe hoch ins Klassenzimmer, Mantel aus, mit dem Ranzen auf den Platz. Jede Bankreihe hat ihren Chef, in jeder Reihe sitzen neun Schüler (macht also bei 27 Schülern drei Reihen, rechnen wir rasch nach .. .). Die Chefs verteilen die Klassenhefte, wir schlagen eine weiße Seite auf. Wir fangen mit einem Diktat an, das dauert fünf Minuten und füllt am Ende nicht ganz eine Seite im Heft."

Treppauf um halb neun, treppab um zehn Uhr zehn, treppauf zwanzig Minuten später, wieder treppab um elf Uhr dreißig zur Mittagspause, immer in Zweierreihen, immer hübsch ordentlich: "Reden ist erlaubt, Schreien ist verboten", erzählt Adrian, der in dieser Grundschule eines gutbürgerlichen Pariser Viertels sein zweites Schuljahr erlebt. Letztes Jahr durfte er sich fürs Mittagessen noch eine Stunde Zeit lassen, dieses Jahr gehören er und seine Kameraden, seine copains, schon zu den Großen und wissen im Schlaf, wo sie Tablett, Besteck, Becher und vier Gänge des Menüs einsammeln und das gebrauchte Geschirr wieder abliefern müssen. Daß ihm dieses Jahr nur noch eine halbe Stunde für entree – plat – fromage et dessen bleibt, stört Adrian weniger als der Verzicht auf den wöchentlichen Kinderfilm, auf den er im ersten Schuljahr noch Anrecht hatte.

Nach dem Essen wird gespielt – und dann wird es ganz, ganz ernst: "Sortez vos cahiers rouges", heißt es dann, holt eure roten Merkhefte heraus. Und diese Hefte haben nicht nur für Adrian etwas Imponierendes: Da kleben sie, die Zettel mit dem, was man unbedingt wissen und behalten muß, nicht bloß für die Schule, sondern fürs ganze Leben. Was denn nun genau? "Na, zum Beispiel die Frage: Was ist ein Adjektiv? Wer die richtige Antwort weiß, der bekommt einen Punkt. Bei zehn Punkten gibt es ein Märchenbild, Dornröschen und die Fee, schau mal hier ... Und bei zehn Bildern darf man ins Büro des Schuldirektors und bekommt ein Geschenk." Also einen Preis? – "Nein, ein Geschenk."