Von Barbara Ritzert

Seit amerikanische Wissenschaftler im September 1990 zum ersten Mal versucht haben, eine Erbkrankheit durch Genübertragung zu heilen, ist – zumindest auf der anderen Seite des Atlantiks – die Jagd nach neuen Einsatzmöglichkeiten für diese experimentelle Behandlungsmethode in vollem Gange: Nicht nur seltene Erbleiden, sondern auch andere Krankheiten wie Krebs, Aids oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen sollen mittels „Genspritze“ therapeutisch an der Wurzel gepackt werden.

Durch eine bemerkenswerte Kombination aus Gen- und antiinfektiöser Therapie könnte sich vielleicht für einige, die mit konventionellen Methoden „austherapiert“ sind, ein neuer Weg abzeichnen: Die Forscher wollen Tumoren durch eine Genübertragung zunächst verwundbar machen und anschließend mit einem Medikament gezielt zerstören.

Ausgedacht hat sich diese Strategie Kenneth Culver vom Nationalen Krebsinstitut in Bethesda bei Washington, der auch bei der ersten Gentherapie am Menschen schon beteiligt war. Er und seine Kollegen vom Nationalen Institut für Neurologische Erkrankungen haben das neue Verfahren bereits an Labormäusen getestet. Inzwischen hat auch das Ethik-Komitee für DNA-Forschung der Nationalen Gesundheitsinstitute grünes Licht für die Erprobung an Patienten gegeben. Wenn demnächst auch die Gesundheitsbehörde zustimmt, wollen Molekularbiologen und Neurochirurgen gemeinsam zwanzig Patienten mit inoperablen bösartigen Hirntumoren oder Hirnmetastasen mit der Kombinationsmethode behandeln.

Die theoretische Möglichkeit, Selbstmordgene gleichsam aus Sicherheitsgründen bei einer Gentherapie miteinzuschleusen, hat Culver auf die Idee gebracht, diesen molekularbiologischen Sicherheitsmechanismus auf die genetische Tumortherapie anzuwenden.

Für die neuen Behandlungsmethoden machten die Gentherapeuten eine Anleihe bei den Virusforschern: Herpesviren haben ein Gen, das ein Thymidinkinase (TK) genanntes Enzym produziert. Die Viren benötigen dieses Protein zu ihrer Vermehrung – und die Mediziner nutzen es als Achillesferse der Erreger bei der Therapie von Herpesinfektionen: Durch die Anwesenheit von TK wird das Medikament Ganciclovir gleichsam für die Vernichtung der Viren getriggert.

Wird dieses Pinzip der Selbstvernichtung mittels Genübertragung auf die Tumorbehandlung angewandt, dann benötigt man nur noch eine antivirale Therapie, um die Geschwulstzellen zu zerstören. In der Geschwulst ginge eine Art Sprengsatz hoch. Gesunde Zellen, die das TK-Gen nicht enthalten, würden hingegen nicht geschädigt.