Von Ludwig Hang

Heraklion ist eine brausende Stadt: Kaum hatten wir unsere Hotelzimmer bezogen und die Glastüren zur Veranda aufgeschoben, drang uns das Rauschen eines unaufhörlichen Verkehrs in die Ohren. Aus den Straßenschluchten dröhnte der Autolärm, im Hafenbecken hupten Fährschiffe und Fischkutter, und vom Flughafen her heulte auf- und abschwellendes Motorengetöse: ein sinnverwirrendes Brausen zu Lande, zu Wasser und in der Luft. Doch erst wenn der Schirokko weht, ergreift eine nervöse Unrast den jungen Mann mit dem roten Motorrad: Dann dreht er den Gasgriff auf und jault durch die Stadt. Es herrschte Schirokko, als wir in Heraklion ankamen, das rote Motorrad war unterwegs, es gesellten sich leichte Gelände- und schwerverkleidete Tourenmaschinen hinzu. Ein ohrenzerreißendes Geheul brandete auf und verfeinerte sich zu einem elektrisierenden Knistern und Knattern, es klang, als kämen ganze Heuschreckenzüge aus der Libyschen Wüste übers Gebirge gezogen und fielen mit gefräßigem Zirpen in die Straßen der Stadt ein.

In der Luft flirrten Sandkörner und ritzten die Haut, als seien es Glassplitter. Das Wasser des Morosini-Brunnens, das aus den Mäulern frisierter Löwen strömen sollte, war versiegt, die Tritonenspiele im Relief der acht Apsiden fanden im Trockenen statt. Der Schirokko hatte den Staub der Wüste auf Cafétische und Korbstühle geweht, wir saßen am Morosini-Platz und wollten Kaffee trinken, bissen aber auf Staub. Aus Lautsprechern schlug uns tumultuarische Gitarrenmusik auf die Ohren. Der venezianische Löwe über dem Tor des Hafenkastells hat sich in einen Seelöwen verwandelt, Mähne und Beine sind im salzigen Seewind erodiert. Wir drangen in die Gewölbe ein, kletterten über die Zinnen, balancierten auf den glatten Wacken der Mole. Hier war einst Herakles an Land gegangen, um den kretischen Stier zu fangen. Zwischen zertrümmerten Stühlen und ausrangierten Auftoreifen liegt immer noch das Stück Horn, das abbrach, als Herakles den Stier in die Knie zwang.

Unser Reiseleiter hieß Evangelos, und mit diesem Namen, sagte er, möchten wir ihn bitte anreden. Sein Familienname sei Plexidas, doch weil es oft genug vorgekommen sei, daß deutsche Touristen ihn in ihrer Kaltschnäuzigkeit auf den Namen Plexiglas getauft hätten, bitte er uns herzlich darum, nur seinen Vornamen zu benutzen. Evangelos also, der Freund der Theorien, führte uns zwei Wochen lang. Er führte uns zwischen minoische Mauern und vor byzantinische Bilder, wollte uns über steinige Hänge hinaufschleppen ins Licht der Erkenntnis und durch unwegsame Schluchten hinabtreiben ins Dunkel der Mythen, doch ein hartnäckiger Sinn fürs Augenblickliche, von dem der Großteil unserer Reisegruppe beherrscht war, widerstand oft seiner frohen Botschaft vom Zauber und Glanz des Gewesenen.

Ein angenehmer Frühwind bewegte die Pinien, blähte die Zypressen auf, als wir nach Knossos kamen. Am Weg, der zur Westfassade des Palastes führt, steht auf hohem Podest die Bronzebüste von Sir Arthur Evans, der um die Jahrhundertwende mit den Ausgrabungen begann. Der Weg ist aus Erde gestampft, doch unvermittelt tritt man auf steinerne Platten, die sich zu Prozessionswegen zusammenfügen. Schon steht man vor der asymmetrisch ausgebuchteten Fassade, bewegt sich im Zickzack an den Mauern entlang, verirrt sich auf Treppen und in Korridoren und findet sich wieder in breiten Sälen und Höfen. Evans hatte Pfeiler und Säulen in Beton und Alabaster rekonstruiert, Evangelos zeigte uns die Pfeilerhallen und Pfeilerkrypten, das heilige Bassin und das Heiligtum der Doppeläxte, führte uns durch den Korridor des Schachspiels und den Korridor des Lilienprinzen, beschwor die ältere und die neuere Palastzeit und sagte: „Wenn sich die Archäologen auch darüber streiten, ob es richtig oder falsch war, mit Beton und Gips zu rekonstruieren, vermittelt uns das Werk von Evans doch ein gutes Bild der Zeit, die viertausend Jahre zurückliegt.“ Evangelos lenkte unseren Weg über Pfeilerstümpfe und Mauerreste, dirigierte uns in weitläufige Kulthallen, in denen einst Fresken an den Wänden prangten mit Löwenkörpern, Greifenköpfen, stilisierten Lilien und einem Stier, auf dessen Rücken ein schlanker Turner Salto schlägt. „Was Sie hier in einer Kopie sehen, werden Sie im Archäologischen Museum von Heraklion als Original bewundern können,“ sagte Evangelos und erläuterte uns, daß die in Rotbraun gemalte, Salto schlagende Figur einen Mann darstelle, während die beiden in Weiß gemalten Figuren, die den Stier bändigten und hielten, als Frauen anzusehen wären, und von daher müsse er zwangsläufig auf das minoische Matriarchat und das spätere mykenische Patriarchat zu sprechen kommen. Jede Höhle, jede Grotte möchte er am liebsten als weibliches, jedes Stierhorn, jeden Stalaktiten als männliches Symbol preisen, wenn nicht die strenge Wissenschaft es gebiete, Vorsicht walten zu lassen bei jeder Form von Deutung und Zuordnung.

Alle Ersparnisse des Kreters rinnen in den Beton. Er ist zu Waben gegossen, zu Zellen erstarrt. Armierungseisen greifen mit Bügeln und Laschen ins Leere: Die Weichbilder der Städte zerfließen. Dort wo das gespenstische Wirrwarr der Rohbauten endet, ist alles liegengeblieben, was zur Arbeit gebraucht wurde: Rahmenholz und Schalbretter, Schubkarren und Rödelklammern. Im Bauschutt verrottet das Werkzeug, im Seewind erodiert der Sandstein, aus dem Balustraden und Verblendungen gemauert sind. Als wir nach Rethimnon unterwegs waren und ein Raunen durch den Reisebus ging, sagte einer aus der Gruppe: „Warum regen Sie sich auf? Laßt sie doch bauen, wie sie wollen, es stört hier ja keinen.“

Außerhalb der Städte atmeten wir auf. An den Straßenböschungen blühten Oleander und Hibiskus, mannshoher Ginster drängte an den Wegrand, auch die Hundskamille war riesenwüchsig und schob Ginster und Geranien zur Seite. Gelber Granit stand blank zwischen dem Hartlaub des Unterholzes, abgesprengte Felsmassen türmten sich vor den Kehren ins gewachsene Gestein. Chania kam in Sicht.