Von Klaus Hurrelmann

BIELEFELD. – Die letzten Wahlen zu den Landtagen in Schleswig-Holstein und Baden-Württemberg haben gezeigt: Es sind häufig junge Wähler, die von den großen etablierten Parteien genug haben und sich entweder neuen „rechten“ Parteien zuwenden oder – was oft übersehen wird – gar nicht erst zur Wahlurne gehen.

Solche Verhaltensmuster setzen nicht erst mit achtzehn Jahren ein. Parteipolitische Präferenzen – dies zeigen verschiedene Langzeitstudien – schälen sich schon im Jugendalter deutlich heraus. Die heutigen Parteien der Regierungskoalition in Bonn kommen bei den Zwölf- bis Siebzehnjährigen auf sage und schreibe fünfzehn Prozent, SPD und Grüne erreichen weit mehr als das Doppelte. Rechtsparteien wie die Republikaner, die DVU und die FAP rangieren bei vier bis fünf Prozent. Dies sind Ergebnisse von Umfragen – ob sie eine Entscheidung an der Wahlurne widerspiegeln würden, steht auf einem anderen Blatt. Schon in diesem Alter fällt bei den Jugendlichen auf: Die größte Partei ist für sie „keine Partei“; dafür entscheiden sich vierzig Prozent.

Die Herausforderung für unser politisches System besteht deshalb darin, auf die starken politischen Ängste von Jugendlichen einzugehen und Gefühle von Ohnmacht und Hilflosigkeit abzubauen, die oft für politischen Aktionismus und Rechtsradikalismus verantwortlich sind. Aufgabe der Parteien muß es sein, so viele Gespräche wie möglich über die Generationen hinweg zu führen. Das gilt auch im privaten Bereich. Wo immer und wann immer es in Familie und Schule, Büro und Betrieb möglich ist, sollten Streitgespräche über globale Krisengefahren zwischen Eltern und Kindern, Lehrern und Schülern, Meistern und Lehrlingen geführt werden. Eine solche Diskussion ist die Voraussetzung dafür, daß untergründige Sorgen artikuliert und nicht verdrängt werden. Denn Verdrängung äußert sich politisch unkontrollierbar, wie die letzten Wahlen zeigen.

Die Frage der Glaubwürdigkeit von Staat und Politik und insbesondere der einzelnen Politiker ist für jugendliche Noch-nicht-Wähler von allergrößter Bedeutung. Die jungen Leute achten in erster Linie auf den Stil und die Methoden der Politik. Ihre Entfremdung vom politischen System kann nicht durch taktische und pragmatische Maßnahmen aufgehoben werden. Fast alle Jugendlichen wünschen, daß Politiker nicht nur für den Augenblick denken und handeln, sondern langfristige Perspektiven entwickeln. Bloßer Aktionismus ist bei Jugendlichen nicht gefragt. Wenn sie für unsere politische Kultur gewonnen werden sollen, dann müssen die Regeln für die politische Partizipation der jungen Generation neu überdacht werden. Dazu gehört auf allen Politikebenen die Frage nach dem aktiven und passiven Wahlrecht für Jugendliche. Es gibt nach den vorliegenden Studien keinen Zweifel, daß Jugendliche früher als mit achtzehn Jahren politisch deuten können. Deshalb brauchen wir eine Diskussion darüber, ob die Berechtigung zur Teilnahme an Kommunal-, Landes-, Bundes- und Europawahlen weiterhin an das heutige „Volljährigkeitsalter“ von achtzehn Jahren gebunden bleiben soll.

Ich bin dafür, Fünfzehn bis Sechzehnjährigen die volle Wahlberechtigung einzuräumen. Bei der Wahl von Kommunalparlamenten und bei Volksabstimmungen könnte ein noch niedrigeres Alter sinnvoll sein. Jugendliche hätten hierdurch die Möglichkeit, ihre eigenen Interessen zu artikulieren; ihre Bereitschaft, sich in der Politik zu engagieren, würde größer. Eine frühere Zulassung zu Wahlen wäre ein klares und glaubwürdiges Signal unserer Gesellschaft an die junge Generation, daß sie von den lebenswichtigen Entscheidungen nicht ausgeschlossen bleibt. Diesen Eindruck müssen viele Jugendliche aber heute gewinnen.

Klaus Hurrelmann ist Professor für Soziologie und Leiter des Zentrum für Kindheits- und Jugendforschung an der Universität Bielefeld.