Sie liegt vierzig Meter von meinem Schreibtisch entfernt. Von der Sonne verwöhnt wird sie nicht, denn der Hang, auf dem sie sich ausbreitet, fällt nach Norden hin ab: meine Wiese. Wenn’s ein milder Winter war, geh’ ich schon im Februar jeden Tag nachschauen, wie viele Krokusse bald aufgehen werden. Die Natur ist dann noch launisch und läßt sich sehr viel Zeit – bis Anfang April. Dann wird innerhalb weniger Tage alles gelb. Denn die Schlüsselblumen bedecken den Hang, und unten, da, wo alles Wasser zusammenfließt, stehen sie, als gehörte ihnen der Platz ganz allein. Nur um diese Zeit ist jeden Morgen auf dem benachbarten Baumgrundstück der Grünspecht zu beobachten. Und dann die Veilchen! Die kommen, ohne sich anzukündigen. Zack, da sind sie – von heute auf morgen.

Und wenn das passiert, Mitte April, geht’s Schlag auf Schlag, als hätte es die Natur plötzlich sehr eilig. Das Wiesenschaumkraut wächst mit der Butterblume um die Wette, Blaßlilablau legt sich gegen Knallgelb ins Zeug. Die Amseln suchen die noch junge Wiese nach Fressalien ab, und noch achtet niemand auf die Schafgarbe, den Löwenzahn, den Rotklee, Spitzwegerich, Breitwegerich und was sonst noch alles emportreibt. Dieses Schauspiel dauert vierzehn Tage.

Mitte, meist aber Ende Mai ist es schließlich soweit, daß wir einen Abend miteinander verbringen. In der Zwischenzeit ist die Schafgarbe derart nach oben geschossen, daß sie mit ihren schneeweißen Dolden ein komplettes Dach bildet; ein Dach über der Wiese, einen Baldachin, mit drei oder vier Etagen Wachstum unter sich.

Sobald ich die Wiese zum ersten Male betrete, gleich am Rand, fliegen die Fallschirme des Löwenzahns davon. Aberhunderte sind das, wenn nicht gar Tausende. Kaum streife ich mit den Knien an den Blütenpollen der Butterblume entlang (Hahnenfuß heißt sie offiziell), stäubt es gelb auf. Kleine Wolken ergibt das, doch Bruchteile von Sekunden später hat sie der Wind nach allen Richtungen hin zerstoben.

Auf einer solchen Reise empfiehlt sich helle Kleidung. Falls sich eine Zecke fallen läßt, sieht man die winzigen schwarzen Punkte recht schnell. Was viel Ärger erspart. Bremsen plagen, um diese Jahreszeit noch niemand, Stechmücken ebensowenig. Ameisen hingegen sind nur lästig.

Im Sitzen reichen mir die Doldenblütler bis zum Kopf, der Hahnenfuß neigt sich gegen die Schulter, und an meiner linken Wange streift mich – dem Lexikon nach gehört sie gar nicht hierher – ein einzelnes, noch verschlossenes Exemplar der Blauen Wegwarte.

Hornissen: Immer wenn ich einen dieser „Hubschrauber“ höre, ist es mit der Entspannung dahin. Obwohl im Wald- und Wiesenführer zu lesen steht, daß diese Insekten nicht grundlos angreifen, habe ich Schiß. Von rechts irgendwoher kommt ein Motorrad-Geräusch, links oben jubiliert eine Amsel: „Di-du-du-duditt“ pfeift sie ihr Morsealphabet; warum da ausgerechnet ein Rabe sein krächzendes „Jäh-Krää“ dazwischenwirft – keine Ahnung.