Von Erika Martens

Heinz Kluncker ist ganz sicher: „Die ÖTV ist nicht kaputt zu kriegen.“ Mehr läßt sich der legendäre frühere Chef der Gewerkschaft Öffentliche Dienste, Transport und Verkehr nicht entlocken. Denn seit er vor zehn Jahren sein Amt aus gesundheitlichen Gründen niederlegte und Monika Wulf-Mathies als Nachfolgerin empfahl, hält sich der schwergewichtige Gewerkschafter mit Kommentaren über sein einstiges Betätigungsfeld weise zurück.

Zweifellos aber ist die Organisation der Staatsdiener in einer schweren Krise. Auf ihrem zwölften Gewerkschaftskongreß, der am Wochenende in Nürnberg beginnt, wird es heiß hergehen. Mit der zweiten Urabstimmung, die nach elf Tagen Streik um ein Ergebnis in der diesjährigen Tarifrunde keine Mehrheit für den Kompromiß brachte, handelte sich die ÖTV-Spitze eine schwere Schlappe und viel Kritik ein. In Nürnberg stehen deshalb heftige Auseinandersetzungen um die personelle Zusammensetzung des Geschäftsführenden Vorstands und um den künftigen Kurs in der Tarifpolitik bevor. „Das Debakel von 1992 war der berühmte Tropfen, der das Faß zum Überlaufen brachte“, faßt der Geschäftsführer der Stuttgarter Kreisverwaltung Frank Schmidt die Stimmung an der Basis zusammen.

ÖTV-Chefin Monika Wulf-Mathies selbst ist zwar nicht ernsthaft gefährdet. Die 50jährige, seit zehn Jahren an der Spitze der mittlerweile 2,1 Millionen Mitglieder umfassenden Organisation, wird nach Einschätzung der großen Mehrheit mit einem Denkzettel beim Abstimmungsergebnis davonkommen, schon einfach deshalb, weil es zu ihr keine Alternative gibt. Doch der für Tarifpolitik zuständige Vorstand Willi Hanss dürfte, vermuteten am Wochenbeginn führende Gewerkschafter, wohl nicht mehr zur Wiederwahl antreten. Als Bauernopfer gilt Hanss freilich nicht. Zu groß ist der Unmut der Mitglieder über die konzeptionslose Tarifpolitik, die vor allem in seinen Händen liegt, auch wenn die Vorsitzende die Ergebnisse in der Öffentlichkeit präsentiert.

„Tarifpolitisch gesehen waren die achtziger Jahre ein verlorenes Jahrzehnt“, resümiert Michael Wendl, stellvertretender Bezirksvorsitzender aus München. Wendl hat mit seiner Kritik seit langem nicht zurückgehalten. Im vorigen Jahr, als er schon einmal harsche Worte für die Arbeit der Stuttgarter Zentrale fand – damals war er noch angestellter Sekretär –, hatte die Gewerkschaftsführung ihn fristlos entlassen. Vor dem Arbeitsgericht jedoch endete der Streit um den Hauptamtlichen mit einem Vergleich. Und um die Blamage des Vorstands komplett zu machen, wählten die Bayern ihn Anfang dieses Jahres zum zweiten Mann in ihrem Bezirk.

Unmut über die Tarifpolitik äußert nicht nur Wendl. Vorstand Willi Hanss, monieren viele örtliche Funktionäre, betreibe gern „Geheimdiplomatie“, er sei nicht in der Lage, politische Perspektiven aufzuzeigen und habe durch „ruppigen Umgang mit den Mitarbeitern in seiner Abteilung viele gute Leute vertrieben, so daß eine kontinuierliche Arbeit erschwert“ worden sei.

Aufgestauter Ärger