Ein Preis – und die Macht

Es war schon immer etwas teurer, einen zwar nicht extravaganten, aber guten Geschmack zu haben. 200 000 (zweihunderttausend) Mark wert ist der Praemium Imperiale, den die Stiftung Japanische Gesellschaft für Kunst vergibt. Der Preis für Film ging an Akira Kurosawa, für Architektur an Frank Gehry, für Bildhauerei an Anthony Caro, für Malerei an Pierre Soulages, für Musik an Alfred Schnittke. Was nun den Letztgenannten betrifft – 1932 in Engels geboren, Sohn einer Wolgadeutschen und eines emigrierten Frankfurter Juden, in Wien musikalisch geprägt, auf Schubert und Mahler gegründet, an Stockhausen orientiert, Komponist einer „deutschen“ Sinfonie, Träger eines Preises der Berliner Filmfestspiele, in Hamburg Kompositionsprofessor (als Nachfolger von György Ligeti): Er wisse nicht genau, ob und wie sehr er „deutsch“ sei, ließ er uns einmal wissen. Ob er freilich den Deutschen und ihren Kulturverwaltern etwas wert ist und wieviel, mag man heute fast täglich an seiner Gesundheit ablesen: Von einem Schlaganfall im Juli 1985 hat sich Alfred Schnittke nur schwer erholen können. Psychophysischer Grund: die deutschen Behörden verweigern seinem Sohn ohne Begründung die Einbürgerung – im „Falle eines Falles“ müßte der junge Mann mit seiner alsbaldigen Abschiebung rechnen. Beiden könnte eigentlich schnell – und gar nicht teuer – geholfen werden.

Massimo, ein Ende, ein Anfang

„Der wahre Grund wird sein“, so sagte die Direktorin der Villa Massimo in Rom, Elisabeth Wolken, der Welt, „daß meine Auffassung vom Auftrag der Villa Massimo und die des Ministeriums nicht übereinstimmen. Und letzten Sommer ergab sich die einmalige Gelegenheit, einen skandalösen Zeitungsartikel, der von Unterstellungen, Übertreibungen, Unwahrheiten und Gemeinheiten strotzte, zum Anlaß für eine Abmahnung zu nehmen.“ Der Artikel erschien in der ZEIT. Geschrieben hatten ihn die Schriftsteller und Massimo-Stipendiaten Hanns Josef Ortheil, Klaus Modick und Richard Wagner. Was darin stand, war im wesentlichen eine Wiederholung der Kritik an Elisabeth Wolkens Amtsverständnis, wie sie im Laufe der Jahre von Stipendiaten immer wieder und erfolglos vorgebracht worden war. In einem Punkt hat Frau Wolken recht: Ihre Auffassung von den Aufgaben der Villa Massimo, die sie als Auslandsposten zum Zweck kultureller Repräsentation verstand, deckt sich nicht mit dem Auftrag dieses Instituts inländischer Kulturförderung: Es soll deutschen Künstlern einen Arbeits- und Bildungsaufenthalt in Rom bieten. Elisabeth Wolken wird ihren Posten Ende 1993 für einen noch nicht benannten Nachfolger frei machen.

Luftgeister, eine Arie

Nicht nur als Überflieger, auch als Fährtenleser war der Altphilologe Franz Josef Strauß (Gott hab’ ihn selig) unübertroffen. Wenn er die Abzweigung nach Bonn einmal nicht fand, so berichtet die Legende, drückte er einfach die Nase seines Flugzeugs weit, weit nach unten, bis er den rechten Luftweg vom Verlauf der Autobahn ablesen konnte. Viel Zeit ist seither vergangen, nicht mehr alle Wege führen nach Bonn, manche wohl auch schon nach Berlin, doch im Volk ist die Verehrung für den Churfürsten Franz Josef ungebrochen. So hat man es verstanden, den vor fünf Wochen im Erdinger Nebelloch eröffneten Flughafen nach dem bekannten Vielflieger zu benennen. Den frequentiert, wie wir einem Leserbrief an die Frankfurter Allgemeine entnehmen dürfen, auch der in den Alterthümern weidlich bewanderte Historiker Professor Dr. Christian Meier, Hohenschäftlarn. „Nun schon zum sechsten Mal in 14 Tagen“, klagt der Gelehrte, habe er sich auf den weiten Weg vom Isartal durch die Münchner Innenstadt und wieder hinaus ins Erdinger Moos machen müssen, hat „im staufreudigen, abgasträchtigen Münchner Norden dem Flughafen oder der Stadt entgegen(ge)wartet“, ist „im Galopp den unverstehbaren Ariadnefaden entlang durch das labyrinthische Parkhaus“ geeilt – doch wohin nur? Dunkel bleibt des Dichters Rede. Wenn man „etwa zwei-, dreimal die Woche schnell irgendwohin muß“. Ach, wer da mitreisen könnte! Ohne Zweifel ist der Hohenschäftlarner Ariel ein gefragter Mann, man kennt ihn, man sucht ihn, man braucht ihn, überall in der Alten Welt. Cäsar hat eben angerufen, ohne Meier wäre diese Kampagne am Rubikon nicht zu bestehen; dann am Ätna dieser ewige cunctator Empedokles (darin dem bayerischen Landesvater selig gleich), er braucht immer erst einen Schubs. Wenn nur nicht dieser Airport draußen in Erding wäre, angelegt „ohne leidliche Verkehrsanbindung zum Zentrum der Stadt“! Unter Franz Josef hätte es das nicht gegeben. Der große Fährtenleser hätte schon dafür gesorgt, daß dem Professor Flügel gewachsen wären, ikarische Schwingen. Und hinauf, hoch über die Wolken wären die beiden Aviatiker zusammen geflogen, dort, wo die Freiheit grenzenlos ist, kein Ariadnefaden, kein abgasträchtiger Münchner Norden, kein Parkhaus weit und breit. Christian Meier hätte den großen Archimedischen Zwiegesang intoniert: „Dos moi pu sto kai kino ten gen“ (Nachhilfe für unsere Leser ohne Graecum: „Gib mir einen Platz, an dem ich stehen kann, und ich bewege die Erde“), Franz Josef in seiner unnachahmlichen Art respondiert: „Per aspera ad astra ... pacta sunt servanda ... quod dixi, dixi ...“ Und ginge die Klassikerstunde nie zu Ende, sie trieben dort noch heute.