Von Stefan Berkholz

Einmal im Jahr, zumeist im Sommer, macht sich Professor Harold von Hofe aus Beverly Hills auf den weiten Weg über den Atlantik, schaut in Europa nach dem Rechten, bespricht mit dem Aufbau-Verlag, was als nächstes zu tun sei. Von Hofe ist nicht bloß einer der bekannteren Exilforscher, sondern, seit Martha Feuchtwangers Tod im Oktober 1987, zugleich Testamentsvollstrecker, Nachlaßverwalter und Herausgeber der Werke von Lion Feuchtwanger.

In der vergangenen Woche erzählte er in Berlin bei einem Pressegespräch, was ihm in den letzten Monaten in die Hände gefallen ist. Hilde Waldo, Feuchtwangers uralte Sekretärin – seit 1940 ordnete sie den gesamten Schriftkram –, mußte unlängst in ein Heim ziehen. Man räumte ihre Wohnung auf und fand völlig Unerwartetes. Neben "Bergen von Manuskripten" ganz unten in einer Kiste "ein Tagebuch von Lion Feuchtwanger aus den Jahren 1906 bis 1940, mit der Hand geschrieben".

Bisher hatte man angenommen, daß Feuchtwanger gar kein Tagebuch geführt habe. Man hielt sich dabei an eine Äußerung Feuchtwangers, die er 1931 im Berliner Tageblatt gemacht hatte. Er persönlich lehne ein Tagebuch ab, sagte Feuchtwanger damals, es verführe allzuleicht zum Selbstbetrug.

Nackte Fakten

"In der Mc Carthy-Zeit", berichtet von Hofe, "von 1947/48 bis Mitte der fünfziger Jahre, hat Feuchtwanger manches bei Hilde Waldo untergebracht, denn jeder stand unter Verdacht, der sich irgendwie ein bißchen links geäußert hat. Deshalb hat er manche Dokumente bei ihr deponiert, denn sie stand nicht unter Verdacht." Das soeben gefundene Tagebuch aus den Jahren 1906 bis 1940 schien ihm anscheinend gefährlich zu sein. Noch gibt es einige Lücken, die Jahre 1907/1908 und die zwanziger Jahre betreffend. Der Nachlaßverwalter hofft, bald noch mehr zu finden.

Allerdings ist er der Ansicht, daß "ein großer Teil des Tagebuches als Quelle für Forscher wichtig ist, aber nicht geeignet zur Veröffentlichung". Persönlichkeitsrechte seien zu wahren. Außerdem: Feuchtwanger war "ein sehr spröder Tagebuchschreiber", wie Gotthard Erler, Programmdirektor des Aufbau-Verlages, ergänzt. Feuchtwanger notierte, was er erlebte, wen er traf, welche Bücher er las, welche literarischen Pläne er verfolgte – doch er begnügte sich mit nackten Fakten, Analysen und Reflexionen finden sich so gut wie gar nicht. Was also davon eines Tages veröffentlicht werden wird, steht noch in den Sternen. Zur Zeit wird der letzte Teil der Aufzeichnungen, den Feuchtwanger in der veralteten und heute nur noch von wenigen lesbaren Gabelsberger Kurzschrift verfaßt hat, von einer alten Dame in Dresden transkribiert.