Von Dieter Hoffmann-Axthelm

Erstens. Mein Aufsatz war alles andere als persönlich gemeint. Er sprach, meines Erachtens unmißverständlich, zur Sache. Senator Hassemer nimmt ihn persönlich und versucht, mich kleinzumachen. Nur so viel zum Innerberliner politischen Clinch, der den Hintergrund bildet: Ich arbeite, gemeinsam mit dem Architekten Bernhard Strecker, für den Stadtbaudirektor im Bausenat einen Strukturplan für die Friedrichstadt, Dorotheenstadt und Friedrichswerder aus. Das wird wie üblich bezahlt. Daß der auftraggebende Senat SPD-Feudum ist wie Hassemers Senat für Stadtentwicklung und Umweltschutz CDU-Sitz und daß beide Senate nicht miteinander reden, dafür kann ich nichts. Alles, was ich tun kann, ist, persönlich unbeschädigt zu bleiben und meine Sache zu sagen, ohne Ansehen der Person und Partei. Der ZEIT- Artikel ist nicht zuletzt der Versuch, das zu äußern, was ich, soweit für den Bausenat arbeitend, wegen der Grenzstreitigkeiten nicht sagen kann.

Zweitens. Apropos: Hassemer ist „deprimiert“: Statt in der Öffentlichkeit (des Stadtforums) äußerte ich mich in den Zeitungen. Gottseidank gibt es sie – etwa keine Öffentlichkeit? Hier bereits autoritärer Stil: Was Öffentlichkeit ist, bestimme ich. Denn das Stadtforum ist Hassemers Instrument, ein respektabler, aber doch zufälliger, von Hassemer selbst ausgelesener Zirkel, weit weniger öffentlich als eine Zeitungsseite. Wer Zeitungsbeiträge als Störung empfindet, gibt zu, daß er Öffentlichkeit kanalisieren will. Das scheint der Zweck des Stadtforums.

Drittens. Mit der Polemik ad personam und zum Thema Öffentlichkeit gelingt es Hassemer allerdings, die drei politischen Grundargumente einfach zu überspringen: 1) die verunsicherte Millionenstadt (innen zerstört, außen labil, vierzig Jahre geteilt, nun am Zusammenwachsen) brauche ein bildhaftes historisches Zentrum; 2) das Stadtzentrum sei verbraucht, es sei politisch falsch, in die Sukzessionsfolge Preußen, NS-Staat, DDR und in ihre Bauten noch einmal einsteigen zu wollen; 3) wenn man es tue, hole die Geschichte einen bei den Eigentumsverhältnissen ein. Statt dessen spricht Hassemer, als gäbe es keine Politik, nur noch von den stadtplanerischen Konsequenzen, die sich stellen, wenn man sich – falsch – entschieden hat: Er habe aufgrund sich abzeichnender Tendenzen (Massierung zwischen Spreebogen und Potsdamer Platz und Bedeutungsverlust der Spreeinsel) so handeln müssen, es sei jedoch im Detail alles viel harmloser.

Viertens. Die Argumente belegen aber gut den Politikstil, den ich angriff. Kein Politiker interessiert sich für das reale Berlin. Das Berlin, das sie (jeder für sich und persönlich) regieren, findet in den Medien statt und besteht aus medialen Floskeln. Hassemer: „Meine Konzeption ... bekennt sich zur Einmaligkeit dieses Gebietes . .“, „die einzigartigen öffentlichen Räume“, den „Bedeutungsverlust der Stadtmitte“ zu verhindern – das Zentrum als semantischer Raum. Das hat mit der realen Ödnis dieses Stadtzentrums nichts zu tun. Mit dem Stadtforum natürlich auch nicht. Dieses läuft der Entscheidung einfach parallel: rechter Dezisionismus und linke Diskussionskultur.

Fünftens. Die Standorte sind weder so klein noch so harmlos – selbst wenn man einfach entscheidet, bleiben die Haken: a) Bundespräsident: Zum Kronprinzenpalais kommen nicht nur Flächen von ehemaliger Kommandatur und Darmstädter Bank hinzu, sondern aus Sicherheitsgründen auch der einzige Ort, wo Normalberliner und Touristen heute ihrerseits im Zentrum zu Hause sein können, das Operncafé im Prinzessinnenpalais. b) Reichsbankerweiterung (Ex-ZK der SED) und Reichsbankfläche sind Staatseigentum, aber sie kompakt als Ministerienstandort zu nutzen ist politisch wie stadtplanerisch prekär, von der NS-Gestik der Reichsbankerweiterung zu schweigen. Eine Hinzunahme der übrigen Blöcke des Friedrichswerders, über die Hassemer nachdenkt, führte vollends zum Beamtenghetto, man hätte nicht zuletzt mit einer Vielzahl jüdischer Alteigentümeransprüche zu tun. c) Das Staatsratsgelände war seit Stadtgründung fein parzelliertes bürgerliches Eigentum, die Anspruchsteller sind da. Ich brauche mein Argument nicht zu wiederholen. Ein Kaufhaus ist weder die einzige Alternative, noch würde sie mich schrecken – das Schloß Wilhelms II. war von Kaufhäusern umstellt, d) Das Münzgelände ist größtenteils Staatseigentum. Aber muß der DDR-Kultusminister unbedingt einen Nachfolger haben? Eine differenzierte Aufgliederung des Komplexes (das halbe Gelände ist noch zu bebauen) könnte einzelne staatliche und städtische Stellen unterbringen, e) Das Stadthaus ist nicht Teil des Untersuchungsgebiets Spreeinsel, das die vier Ministerien aufnehmen soll. Es gehört zudem der Stadt, und die Stadtverwaltung gehört hierhin.

Sechstens. Was ich will? Erstens: daß der Bund da am Wiederaufbau der Stadt mitmacht, wo wirklich Bedeutung gefragt ist, also außerhalb des Bezirks Mitte. Zweitens: daß das innere Zentrum (Alt-Berlin, Alt-Cölln, Friedrichswerder) wieder Züge eines historischen Stadtkerns erhält. „Es kann also nur darum gehen, den historischen Kern aus sich heraus zu entwickeln. Die teils vorhandenen, teils unter dem Pflaster liegenden historischen Strukturen sind dann die wichtigste Ressource, die zur Verfügung steht. ... Man braucht dafür das feingliedrigste, biegsamste Material, das es gibt: gemischte Stadt.“