BERLIN. – Der Pförtner im Roten Rathaus zeigt sich ungewöhnlich gut informiert: „Hier arbeidet nur der Genosse, äh, der Herr Diebchen. Die Versteicherung is gechenieber, driem im olden Menisderroahd.“

Im ehemaligen Ministerratsgebäude füllt ein buntes Volk Formulare aus und strebt mit gelben Nummernschildchen und dicken Angebotslisten unter dem Arm ins Innere. Dort ziehen die meisten erst mal lange Gesichter. Denn was hochtrabend als Auktion von Honis und Stophs Schatzkammer angekündigt wurde, erinnert an einen Räumungsverkauf in „Rudis Reste Rampe“.

Lange Tische an den Wänden des resopalgetäfelten Festsaals biegen sich unter Kunstledermappen, mäßig gegossenen Bronzen nackter Frauen, hier „Natura“ genannt, Leninbüsten aus Meißener Prozellan, Anstecknadeln und röhrenden Hirschen (echt Öl). Weder wohlige Schauer noch Wut wollen sich beim Anblick der „Kostbarkeiten“ einstellen: keine Spur vom guten alten Duodezfürstentum vergangener Zeiten, nach dessen Maximen doch die fünfzehn DDR-Bezirke regiert wurden. Nicht einmal ein Hauch von Grünem Gewölbe. Alles ist so durchschnittlich, wie es der DDR-Alltag war.

Selbst die Herren von der Verwertungsgesellschaft für bundeseigene Güter (Vebeg) – jemand witzelt: „Verwertungsgesellschaft besatzungseigener Güter“ – sind ein wenig ratlos. Sie sollen dieses Lager mit „Präsenten und Gastgeschenken“ des ehemaligen DDR-Ministerratsvorsitzenden und jetzigen Häftlings Willi Stoph zugunsten seines Erben, des Bunds, treuhänderisch verhökern. Sie haben Erfahrung beim Verkauf ausgemusterter Kübelwagen, Unimogs und Hubschrauber der Bundeswehr – die preisen sie als „Super-Markt der Gelegenheiten“ an. Doch was macht man beispielsweise mit 2500 Glückwunsch- und der gleichen Menge Trauerkarten, 20 000 Plastikhüllen, 52 480 Stück diversen anderen Krams, vier Kartons Kordelband, zwei Sargdecken (DDR) und einer Urne (schwarz) – noch dazu, wenn dieser Posten im Stück versteigert werden soll?

Die ersten Schnäppchenjäger ziehen ab, als sie merken, daß sie Honis richtungsweisendes Werk „Auf dem Weg zum Sozialismus“ (Minibuch, ledergebunden) nicht im Einzelexemplar ersteigern können, sondern nur in einer Losnummer mit weiteren 144 Bändchen. So ist es auch mit 69 Damasttischdecken, 200 Sommerhüten à la Politbüro (eingeschlossen 101 Regenmäntel, vier Regenschirme und acht Krawatten, schwarz) sowie hundert ledernen Würfelbechern.

Entsprechend träge beginnt das Spektakel. Ein paar Suppentassen für dreißig Mark, ein Moccaservice für 150, andere Sachen erhalten gar kein Gebot. So geht das fast zwei Stunden. Sektkelche, Biergläser. Lichte, Weißwasser, Henneberg, Döbern. Aschenbecher, Vasen, Besteckkästen. Lediglich ein Frühstücksservice aus der Werkstatt von Hedwig Bollhagen bringt 500 Mark.

Dann passiert etwas Unvorhergesehenes: Ein eher unbedeutendes, knapp dreißig Zentimeter hohes Pferdepaar aus Holz und Keramik wird von 60 auf 600 Mark hochgesteigert. Von nun an scheint der Faden gefunden. Dem verhemmten Auktionator, der mit dummen Witzchen seine Unkenntnis der DDR-Vergangenheit offenbart, blinken die Augen. Nach einer halben Stunde stößt er ohne Atempausen hervor: „... 650 Mark sind geboten, wer bietet 700, 750, 800, 850, 900, 950 sind geboten, wer bietet 1000, 1000? 1000, 1000, 1050, 1050 ...“ 39 Medaillen zum dreißigsten Jahrestag der DDR, dazu 3000 Stück diverse Ansteck- und Ehrennadeln erhalten für 1050 Mark den Zuschlag. Ein Thüringer flüstert: „Um die zu bekommen, mußte man früher richtig arbeiten.“