Warum ein Fußballspiel so ausgehen mußte, wie es schließlich ausgegangen ist, warum Offensive von vornherein um so viel besser gewesen wäre als Defensive (oder umgekehrt), warum der lange Dünne niemals gegen den kurzen Dicken hätte spielen dürfen, kurzum: daß die ganze Taktik wieder mal völlig verkehrt war, das wissen wir Experten beim Fußball immer ganz genau – nachher.

Es ist ja auch ganz einfach: Haben wir verloren, dann war die Taktik falsch; haben wir gewonnen, dann war sie richtig, und dann darf sich sogar der Trainer freuen. So wie sich nach dem Sieg gegen die braven Schweden der Bundestrainer Vogts gefreut hat, der nach den voraufgegangenen eher mäßigen Proben deutschen Fußballtalents beim europäischen Wettstreit der Besten ja schon Gefahr gelaufen war, in unser aller Wertschätzung endgültig vom Berti zum Hans-Hubert degradiert zu werden. Da wäre ja beinahe etwas auf uns zugekommen, Herrschaftszeiten, Derwallszeiten. Gerade noch mal gutgegangen.

Mit derselben gelegentlich todesmutigen Kühnheit wie seine Männer im Kampfgetümmel hat der Berti – lassen wir es vorläufig dabei – in diesen Tagen seinen Kopf hingehalten, diesen im Eifer immer leicht geröteten jugendlichen Trotzkopf, wenn ihm die Meute der Medien ans Leder ging, mit ihren Kameras und ihren Mikrophonen und ihren inquisitorischen Fragen, diese Leute, die ja immer alles besser wissen – nachher. Nachher weiß es ja sogar ein Bundestrainer besser. Weshalb wir dem Berti den Ärger nachfühlen können, der ihm so sichtlich hochkam, wann immer einer dieser dreisten Reporter ihm in aller Öffentlichkeit ins Gesicht zu sagen wagte, daß seine Mannschaft heute doch einen rechten Mist zusammengespielt habe – wenn sie einen rechten Mist zusammengespielt hatte.

Wo früher der Franz Beckenbauer mit einem brummigen "Na gut" reagiert hätte, konterte der Berti Vogts mit Befreiungsschlägen aus massierter Abwehr: "Sind Sie sicher, daß wir dasselbe Spiel meinen?" Wer ihm dabei in die Augen sah, dem ging ein Licht auf, was es bedeutet, Bundestrainer unter lauter Bundestrainern zu sein. Es zeigte sich in all seiner Verwundbarkeit ein Mensch, der seine Feuerprobe zu bestehen, seinen ganz persönlichen Europameisterschaftskampf zu kämpfen hatte.

Sie haben es dem Berti nicht leichtgemacht, die Kollegen von der Presse nicht und auch nicht seine alten Kumpel, die heute ringsum in den Kommentatorennestern hocken, die Merkels, Magaths und Breitners. Sie haben ihm Dutzend und einen Fehler vorgeworfen und hätten ihn wohl bald in der Luft zerrissen, den Berti, wäre er ihnen nicht in allerletzter Minute von der Schippe gesprungen: ab ins Endspiel.

Da steht er nun und wird sich, betrachtet er alles in allem, seine Gedanken machen über die Gerechtigkeit und die Ungerechtigkeit, jedenfalls aber die Unberechenbarkeit des Geschäfts, dem er sich da anheimgegeben hat. Die Abhängigkeit des Trainers von glücklichen Umständen, das Ausgeliefertsein an den Zufall, an Wollen und Können der Mannschaft, die ganze immer wieder beschworene "glorreiche Ungewißheit" des Fußballs – niemals zuvor werden sie dem kleinen Bundestrainer so bewußt geworden sein wie in diesen Tagen, da er neben den hilfreichen schottischen Freunden auch einen gewissen Thomas Häßler, den – Originalton Rubenbauer/ARD – "Sokrates des Freistoßwesens", in seine Dankgebete einschließen muß.

Des Geschickes Mächte im entscheidenden Augenblick auf seiner Seite zu haben, das macht, Taktik hin, Taktik her, den guten Trainer aus. Ob die freundlichen Götter Grund haben, dem Berti Vogts auch noch bis ins Endspiel zu folgen – sie werden es wissen. Wir werden es auch wissen – nachher. Aloys Behler