Von Helga Hirsch

In polnischen Schulen gibt es nur noch ein Thema: kein Geld! Wenn er das hört, mag ein deutscher Leser automatisch denken: Lehrer sind auf der ganzen Welt gleich. Aber in Polen geht es für die Lehrer um die nackte Existenz. Zwar waren sie auch in kommunistischen Zeiten schlecht dran. Aber im demokratischen Polen sind ihre Gehälter inzwischen weit unter den Landesdurchschnitt gefallen.

Ewa zum Beispiel, Polnischlehrerin an einer Grundschule, verdient nach dreijähriger Tätigkeit bei voller Stundenzahl 1,2 Millionen Zloty – gerade 130 Mark im Monat. Grazyna erhält als Beratungskraft für Französischlehrer zwar vierzig Prozent Zulage. Doch von den 1,8 Millionen Zloty (220 Mark) kann sie den Lebensunterhalt für sich und den fünfzehnjährigen Sohn nicht bestreiten. „Meine Stelle betrachte ich als karitative Arbeit“, merkt sie bitter an. „Das eigentliche Verdienen beginnt, wenn ich aus der Schule raus bin“: Dann geht sie der Nebentätigkeit nach, die für nicht wenige Lehrer die Hauptverdienstquelle bildet. Die einen geben private Nachhilfestunden oder übersetzen Fachliteratur, andere stellen Schmuck für Boutiquen her. Ewa unterrichtet zusätzlich an einer Privatschule; dort erhält sie für die halbe Stundenzahl das doppelte Gehalt. Ihre Kollegin gibt am Nachmittag Englischkurse; da bekommt sie für dieselbe Arbeit in denselben Klassenräumen und manchmal mit denselben Schülern viermal soviel Stundenlohn.

Seit Beginn des neuen Schuljahres im September letzten Jahres komme sein Fahrer von der Warschauer Schulbehörde immer nur mit den Gehältern für die Lehrer zurück, gibt der Direktor des Górski-Gymnasiums freimütig zu. Darüber hinaus erhalte er nichts: keinen Pfennig für Kreide, Papier, Putzmittel, Telephon, keinen Groschen für die Schulapotheke. Daß im Winter Heizung und Strom nicht abgestellt wurden, obwohl er seit acht Monaten keine Rechnung mehr beglichen hat, hält Direktor Sobiepan für eine politische Entscheidung. Hätten Eltern und Sponsoren nicht mit freiwilligen Spenden das tägliche Funktionieren sichergestellt, „wir hätten unsere Schule wegen Dreck und Epidemien schließen müssen“, sagt Ewa Maniszewska, die Direktorin des Warschauer Lelewel-Gymnasiums.

Längst ist der ordnungsgemäße Unterricht in den staatlichen Schulen in Frage gestellt. In Warschau und anderen Großstädten mangelt es vor allem an Fremdsprachenlehrern: Eine Arbeit als Dolmetscherin oder Fremdsprachensekretärin in einem Joint-venture-Unternehmen ist unvergleichlich lukrativer als die Lehrtätigkeit in der Schule. Aus dem Kollegium des Görski-Gymnasiums, das gut vierzig Lehrer umfaßte, sind allein im letzten halben Jahr sechs Fachkräfte ausgeschieden.

Die Direktoren fragen angesichts des Personalmangels nicht mehr nach den pädagogischen Voraussetzungen der Bewerber, Hauptsache, sie beherrschen eine Fremdsprache. So unterrichtet im Gorski-Gymnasium seit kurzem ein Student der Feuerwehrhochschule. Am Lelewel-Gymnasium ist unter den vier Englischlehrern nur noch eine ausgebildete Fachkraft. Daneben unterrichten Studentinnen, die kurz vor dem Examen stehen, und eine Modedesignerin aus Schottland, die die Abwechslung im Leben liebt.

So retten sich die Schulen bis jetzt über die Runden. Immerhin: In diesen Gymnasien gibt es Sprachlehrer. Bei Michal aus der achten Klasse einer Warschauer Grundschule hingegen steht Englisch zwar im Plan, aber in diesem Schuljahr hat noch kein Englischlehrer seine Klasse betreten. Dabei zahlen auch an seiner Schule die Eltern einen „freiwilligen“ monatlichen Betrag zwischen 50 000 und 150 000 Zloty, von dem neben den laufenden Unkosten ein – illegaler – Zuschlag für Sprachlehrer bestritten wird. „Soll das Erziehungsministerium sich doch endlich zu dem Eingeständnis durchringen, daß unsere Allgemeinbildung nicht mehr kostenlos ist!“ fordert Ewa Maniszewska.