Das alles könnte die mobilmanische Gesellschaft ohne Sinnkrise ertragen, wäre der Stau die Ausnahme, eine kurze Ruhepause vor der nächsten Jagd nach Zeit und Glück und Geld. Seit der Stau aber den Alltag zu beherrschen beginnt, zerschlägt das Auto jene Hoffnungen, die es so erfolgreich gemacht haben. Und der Dromomane ist auf Turkey. Die Qualen sind unendlich. Der Philosoph Peter Sloterdijk hat sie erlitten: "An diesen glühenden Nachmittagen im Trichter von Lyon, in der Rheintalhölle vor Köln, eingekeilt am Irschenberg auf Europas längstem Parkplatz, vor sich und hinter sich je fünfzig Kilometer brütendes gestocktes Blech – da steigen schwarze geschichtsphilosophische Einsichten auf wie Auspuffgase, da geht einem Kulturkritisches Glossalisches von den Lippen, Nachrufe auf die Moderne wehen aus den Seitenfenstern, und unabhängig vom Niveau ihrer Schulabschlüsse kommt in den Insassen der Fahrzeuge die Ahnung auf, daß dies nicht mehr lange so weitergehen kann."

Engel in Gelb

In diesen Momenten der Sinnkrise greifen Stauberater helfend ein, Lichtgestalten der Autobahn. Wie Gerlinde Leuter und Rudi Herzig. Sie schlüpfen in die gelb-schwarze Lederkombi, auf dem Rücken das Trugbild der freien Straße und die vier Buchstaben des größten deutschen Automobilclubs. Dann werfen sie sich ins Getümmel am Heumarer Dreieck. Mit dem Motorrad und einer Sondergenehmigung des Regierungspräsidenten dringen sie zum Kopf des Lindwurms vor. Wo, so lautet ihr Suchauftrag, hat er sich diesmal verbissen?

Glied um Glied fahren sie das stinkende Reptil ab. Durch heruntergekurbelte Scheiben künden sie voller Zuversicht vom baldigen Ende des Untiers.

Sie sind Krisenmanager auf Rädern; sie befinden sich im selbstlosen Einsatz gegen dampfende Kühler, freigelegte Nerven und plärrende Kinder. Jede volle Stunde tausend gute Taten: unbeholfenen Vätern schreiende Kinder trockengelegt, den Bus der Bundesligamannschaft durch den Stau zum Stadion gelotst, bei dem älteren Ehepaar zu Hause nach der Herdplatte gesehen, Diplomatenlimousinen zur Beachtung der Verkehrsregeln ermahnt.

Manchmal genügt zur Seelenmassage schon einfaches Vorbeifahren. Der Automobilclub, das signalisiert die Farbe Gelb, ist da: Alles im Griff.

Gestaute Kameraden