BERLIN. – Hat das Ministerium für Staatssicherheit gelegentlich auch Personen als Inoffizielle Mitarbeiter (IM) geführt, die nichts davon wußten und nur als Informationsquellen „abgeschöpft“ wurden? Spätestens seitdem bekannt ist, daß Manfred Stolpe und Gregor Gysi als Inoffizielle Mitarbeiter in den papiernen Hinterlassenschaften der Stasi zirkulieren, harrt diese Frage einer Antwort. Inzwischen scheint erstmals ein solcher Fall plausibel nachgewiesen zu sein: Das Berliner Arbeitsgericht sprach vergangene Woche den Charité-Professor Peter Althaus vom Vorwurf der Stasi-Mitarbeit frei und erklärte die gegen ihn ausgesprochene Kündigung für unwirksam. Den entscheidenden Ausschlag für dieses Urteil gab ein Schriftsachverständigen-Gutachten, welchem zufolge es sich bei Althaus’ Unterschrift auf der IM-Verpflichtungserklärung um eine Fälschung handelt.

Der Reihe nach. Am 23. Juli 1991 wurde Althaus, damals noch Leiter der urologischen Abteilung der Charité, zur Ärztlichen Direktorin des Hauses bestellt. Als sich der Fünfzigjährige bei seiner Dienstherrin einfand, händigte diese ihm kommentarlos seine fristlose Kündigung aus. Der Grund: Er sei von 1971 bis 1986 Inoffizieller Mitarbeiter des MfS gewesen und damit als Arzt im öffentlichen Dienst nicht mehr tragbar.

Die Personalkommission der Charité berief sich bei ihrer Entscheidung auf ein Gutachten der Gauck-Behörde. Nach Durchsicht der 150seitigen MfS-Akte des Mediziners waren die Aktenverwahrer zu dem Urteil gelangt, daß der Urologe „zweifelsfrei“ unter dem Decknamen „Junghans“ für die Stasi gearbeitet habe. Althaus („Daß ich Inoffizieller Mitarbeiter war, erfuhr ich zum erstenmal aus dem Kündigungsschreiben“) erhielt keinerlei Gelegenheit, sich gegen diesen Vorwurf zu verteidigen. Erst Monate später erreichte der Professor per einstweiliger Verfügung das Recht, in seine Akte einsehen zu dürfen. Und dann fiel es ihm wie Schuppen von den Augen.

1971, zum Zeitpunkt seiner angeblichen Werbung, arbeitete Althaus als Stationsarzt im Klinikum der Martin-Luther-Universität Halle. Damals erregte er sich bis zur Konfrontation mit seinen Vorgesetzten über die miserable Situation der Nierenpatienten. Wenig später tauchte ein wißbegieriger Herr bei ihm auf: Warum, wollte Udo Kirmse von der Hallenser Stasi wissen, funktioniere denn die Nierentransplantation in Halle nicht?

Nachdem Althaus ein schriftliches Gutachten über die von ihm gerügten Mißstände verfaßt hatte (das sich später als Kopie in seiner Akte wiederfand), versprach Kirmse Hilfe. Seit jenem Tag entwickelte sich zwischen dem Arzt und dem Stasi-Offizier ein privater, später sogar ein freundschaftlicher Kontakt, der auch nicht abriß, als Althaus nach Berlin umgezogen war. Und genau dieser Udo Kirmse war der Führungsoffizier des IM „Junghans“.

Beim ersten Blick in die Akte schien der IM-Vorgang in der Tat einwandfrei belegt: Verpflichtungserklärung, Deckname, Führungsoffizier, Treffberichte – alles war da. Doch beim genaueren Hinschauen traten einige Ungereimtheiten zutage, die eigentlich auch den Gauck-Gutachtern hätten auffallen müssen. So war zum Beispiel die Verpflichtungserklärung nicht wie üblich handgeschrieben, sondern mit der Schreibmaschine verfaßt worden, und sie enthielt, zweite Abweichung von der Norm, keinen Decknamen. (Der Deckname „Junghans“ tauchte später auf.)

Merkwürdig war auch, daß „Junghans“ von 1971 bis 1986 als „Inoffizieller Mitarbeiter Sicherheit/Konspiration“ bei der MfS-Bezirksverwaltung Halle geführt wurde, obwohl Althaus 1973 nach Berlin umgezogen war. Erst 1986 wurde der Vorgang abgeschlossen und archiviert – mit der Begründung, der IM habe Wohnort und Arbeitsstelle gewechselt. Und nicht minder seltsam war, daß „Junghans“ der Abteilung XV, einer regionalen Unterabteilung der Hauptverwaltung Aufklärung (HVA), zugeordnet wurde, obwohl der Urologe für die Auslandsspionage gar nicht in Betracht kam.

Die naheliegende Interpretation lautet, daß Kirmse Althaus ohne dessen Wissen zum IM schlug und den freundschaftlichen Kontakt ausnutzte, um ihn „abzuschöpfen“. Die gegenseitigen Besuche fingierte er dann zu „Treffberichten“. Damit wäre auch erklärt, warum die Verpflichtungserklärung gefälscht ist, wieso Althaus nach seinem Umzug weiter in Halle geführt wurde und warum der Vorgang 1986 ins Archiv wanderte: Kirmse schied nämlich 1984 aus dem Dienst, und ein hauptamtlicher „Freund“ als Nachfolger war vermutlich nicht so leicht einzuführen.

Im Grunde hatte der Stasi-Mann, der übrigens nicht vor Gericht zitiert wurde, diese These bereits im August 1991 bestätigt. Damals erklärte er gegenüber einer Zeitung, Althaus habe „nie etwas ge- oder unterschrieben“. Die Fälschung zuzugeben, weigert sich der Ex-Führungsoffizier jedoch beharrlich. Kirmse, der inzwischen als Versicherungsvertreter arbeitet, brach statt dessen den Privatkontakt zu Althaus jäh ab und sah zu, wie die Karriere seines „Freundes“ beendet wurde.

Die Blauäugigkeit, mit welcher der Mediziner einem hauptamtlichen Spitzel auf den Leim ging und in seiner Gegenwart über Interna plauderte, mag heute schockierend wirken und Althaus moralisch belasten. Doch für den staatstragend denkenden SED-Mann bedeutete dieser Kontakt seinerzeit nichts Ehrenrühriges – von den Abgründen des Bespitzelungssystems, in das er eingebunden war, hatte der Nierenspezialist keine Ahnung.

Genauso sah es das Gericht. Mit der nachgewiesenen Fälschung der Verpflichtungserklärung, führte Richter Klaus-Dieter Pohl aus, fehle in der Beweisführung gegen Althaus „der Schlußstein wodurch „auch der Rest“ der Vorwürfe gegen ihn zusammengebrochen sei. Es blieben lediglich „den Kläger in Zweifel ziehende Umstände“ übrig, die jedoch nicht ausreichten, um eine Kündigung zu rechtfertigen. Vielmehr solle man sich hüten, so erklärte Pohl, den Akten der Stasi im nachhinein eine unangemessene „Dignität“ zuzuschreiben. Überhaupt vermisse er in den MfS-Unterlagen über Althaus den logischen inneren Zusammenhang, der auf eine bewußte IM-Tätigkeit hinweisen würde. Im Zusammenhang mit der aktuellen Debatte um die Glaubwürdigkeit der MfS-Akten könnte dieser Richterspruch Bedeutung gewinnen.

Der rehabilitierte Mediziner wird allerdings nicht zur Charité zurückkehren, sondern im evangelischen Königin-Elisabeth-Hospital, das ihn nach seiner Kündigung aufnahm, die urologische Abteilung leiten. „Ich habe hier eine neue Heimat gefunden“, kommentiert Althaus, bei dem sich seit der Urteilsverkündung Blumensträuße ehemaliger Patienten und Kollegen häufen. Die Charité-Leitung indes, die ihn vor einem knappen Jahr als für die Patienten unzumutbar hinausgeworfen hatte, „ist für mich nicht mehr zumutbar“.

Michael Klonovsky