In letzter Zeit bin ich viel in den neuen Bundesländern herumgereist. In der Orangerie von Neustrelitz bot sich mir ein besonders friedliches Bild: Amerikanische, russische, deutsche Offiziere saßen an einem Tisch, um über ihre Zukunft und ihr Verhältnis zueinander zu reden. Russen und Deutsche kamen aus mecklenburgischen Kasernen. Die Amerikaner hatte der Bürgermeister aus Neustrelitz’ Partnerstadt Schwäbisch Hall mitgebracht. Sie brauchten für die Reise die Genehmigung des zuständigen deutschen Generalmajors, denn die neuen Bundesländer sind noch nicht Natogebiet.

Militärs und Pfarrer trafen sich in Friedewald im Westerwald. Der Dietrich-Bonhoeffer-Verein hatte zum Nachdenken über die Militärseelsorge eingeladen, denn seit der Vereinigung wehren sich ostdeutsche Pfarrer gegen die westdeutsche Form der Militärseelsorge. Ein Kompromiß scheint inzwischen möglich, eine Annäherung an die ostdeutsche Vorstellung von einer weniger vom Staat abhängigen, der Kirchengemeinde näheren Seelsorge an Soldaten.

Am Körnerplatz in Dresden fand ich im Buch-Antiquariat einen Roman von Rasputin, den ich noch nicht kenne, einen Band Tolstoi, der mir noch fehlt. Vor der Tür der Friseur-PGH (Produktionsgenossenschaft) überlege ich, ob sie auch früher schon täglich von sechs bis 18.30 Uhr geöffnet hatte, einmal wöchentlich sogar bis 20.30. Und freue mich über das Plakat mit Photos von Hund und Katze vorm Reisebüro: „Auch wir dürfen mitreisen – gegen geringen Aufpreis.“ Zu DDR-Zeiten mußte man sehen, wo man zur Urlaubszeit mit seinem Tier blieb.

Der Fischladen nebenan ist geschlossen: Die Ladenmiete ist unbezahlbar geworden. Die Häuser am Platz sollen an einen Westdeutschen verkauft worden sein, erzählt mir eine Frau. „Germoney“ steht an einer Wand in der Pillnitzer Landstraße.

Dresdner Gesprächsthema ist die geplante Autobahn nach Prag, die oberhalb der Stadt entlangführen soll und weiter durch die sächsische Schweiz. Nein, sagt eine Dresdnerin, sie sei nicht gegen die Autobahn, die sei nötig. Aber doch nicht so nahe an Dresden, wo schon ohne Autobahn sich der Nebel über der Elbe staut. Dagegen würden die Dresdner sich wehren. Wer immer die Autobahn plant, er sei gewarnt: Dresdner können schrecklich sein in ihrem Zorn!

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Vom 10. bis 12. Juli wird es in Dresden die erste Graphik-Messe Sachsens geben. Die einzige Messehalle konnte die Stadt zu sehr guten Bedingungen mieten und günstig an sächsische Galerien weitergeben, von denen es inzwischen rund achtzig gibt, allein fast zwanzig in Dresden. Im nächsten Jahr soll die Messe um osteuropäische Galerien erweitert werden – Dresden als Tor zum Osten.