Von Wolfhart Draeger

Daß der Verlag nicht „Donau und Spree“ heißt, was eigentlich logisch wäre, sondern „Thames and Hudson“, nach den Flüssen, an denen London und New York liegen, „verdanken wir, wie so vieles andere, dem Führer“. „Nie wäre ich geworden, was ich bin, wenn uns der Kerl nicht vor die Tür gesetzt hätte“, sagt Eva Neurath in einem Tonfall, der zwischen Lichterfelde und Dahlem zu Hause ist. „So gesehen, war die Emigration ein Glücksfall!“

Wir sitzen bei „Sheekey“ an der St. Martin’s Lane, essen Schollen und erzählen uns Berliner Witze vom Typ „Na, Ihretwegen wer’ ick mir doch keene Kolibris anschaffen!“ Das Restaurant ist jetzt, vor Theaterschluß, noch still.

„Wenn ich in Tegel ins Taxi steige, blühe ich auf“, sagt die Berlinerin, die seit 54 Jahren in London lebt. „Da ist noch immer etwas in der Luft, das auf meine Chemie wirkt.“

Dann macht sie einen Absatz. „Aber leben könnte ich da nicht mehr. Da bin ich rausgewachsen. Mit der Emigration haben sich alle Werte und Maßstäbe verändert.“

Eva Neurath, geborene Itzig, adoptierte Kahn, geschiedene Feuchtwang, Mitbegründerin und „Chairman“ des bedeutendsten britischen Kunstbuchverlages Thames and Hudson, ist genauso, wie man sich in den zwanziger Jahren „die Berlinerin“ vorstellte: schnell, resolut, witzig, elegant. Jeden Morgen um halb zehn fährt sie von ihrem Haus in Highgate zur Bloomsbury Street, wo Thames and Hudson, gleich hinter dem Britischen Museum, fünf aneinandergrenzende Backsteinhäuser aus dem 18. Jahrhundert belegt.

In ihrem etwas zugigen Büro im ersten Stock – das Fenster klemmt seit Jahren! – sitzt die 84jährige, tadellos frisiert und im italienischen Designerkostüm, acht bis zehn Stunden am Schreibtisch und betreut Buchprojekte, „die mir selber noch Spaß machen und deren Stil mir besonders liegt; aber ich gebe immer mehr an andere ab.“ Obwohl sie längst den Kontakt mit der allerneuesten Kunstszene verloren hat, weil ihr, wie sie sagt, die ständig wechselnden Namen lästig werden, hat sie ihre Nase für Themen behalten.