Irgendwo (das zur Erläuterung) geht’s tierisch ab. Das hat der große, coole Popkultur-Gott allen Jungs und Mädels nachts im Traum ganz fest versprochen. Irgendwo muß diese Tür sein, auf der steht: Hier geht’s ab! Und da geht’s dann ab. Wir müssen sie finden, die Tür, denn dahinter wartet das Glück. So die Verheißung. Deshalb die Reise.

Erster Halt: der L’Age-D’Or„X-Mess-Blast“ in der Markthalle: „Nachdem ich die Rangierbahnhof-Breaks der Deutsch-DMler Eisenvater mit einem X-Clan-Gospel gebreakt hatte, stiegen die Sterne am Ende meines Sets spontan in LL Cool J’s „Strictly Business“ ein, was ich wirklich cool fand.“ – Erst auf völlig unbekanntem Gelände fängt der Reporter an, sich wohl zu fühlen. Wo er überhaupt nichts mehr versteht, wird die Sache langsam interessant. Der Dschungel beginnt am Zeitungskiosk. Der unerforschte Kontinent heißt SPEX.

„The Moonflowers“ sind „eine Bande groovy Hippies aus Bristol“ und „das Beste, was Rave passieren konnte“. Die „Angry Samoans“ sind „die beste Punkband aller Zeiten“. Und „haltet euch fest: Laibach bringen jetzt den Beat, welchen Jazzie B. längst hinter sich gelassen hat.“ Wer die „Vulgär Boatmen“ nicht kennt und die „Incredible Bambis“ nie kannte (oder die „Monkeys of Doom“ oder die „Disposable Heroes of Hiphoprisy“ oder die „Screaming Blue Messiahs“ und nicht zuletzt die „Inca Babies“), hat (steht zwischen den Zeilen in SPEX) in SPEX nichts zu suchen.

Auf Seite 98 schreibt Leser A. aus N. an „Hallo Diedrich“ und kündigt seine zehnjährige treue Leserschaft, weil SPEX im Februar Neil Youngs Platte „Weld“ als Antwort auf den Golfkrieg einfach nicht richtig eingeschätzt hat, „aber – irgendwann ist halt jede Phase vorbei“. Auf Seite 26 fährt Diedrich selbst für alle, die dabeigeblieben sind, mit Ice-T nach Atlanta. Und siehe: reservierte Stüssy-Vögel, dicke weiße Biker, B-Boys mit Danzig-T-Shirts, alte Blueser mit XTC-T-Shirt, die Biohazard-Crowd, die Cro-Mags-Crowd, die Public-Enemy-Crowd und diverse Moslems und afrocentric Kids nahmen mit Begeisterung Ice-Ts Botschaften auf“. Ice-T ist ein HipHop-Superstar. Atlanta ist eine Stadt in Georgia, USA. Und Diedrich heißt mit Nachnamen Diederichsen und ist seit Jahren und Jahrzehnten Plattenkritiker, Mitherausgeber von SPEX und ein Spezialist für die Popkultur, deren Gott unseren Reporter auf die Reise geschickt hat.

Wohin mit all den Namen, die sich anhören wie unbekannte Indianerstämme? Wohin mit all den fröhlichen jungen Menschen auf der Tanzfläche und ihrer Langeweile? Es gibt ein Buch von Diedrich Diederichsen, das 1989 erschienen ist, „1500 Schallplatten“ heißt und 1500 Plattenkritiken von Diedrich Diederichsen enthält sowie seinen grundlegenden kritischen Essay zum endgültigen Verständnis der Pop-, Sub- und Gegenkultur: „Wo die Funktion des mehrheitskulturellen Kulturkonsums etwa der Kritischen Theorie noch als die Verhunzung des Kunsterlebnisses zu einem üppig-kulinarischen Ritual des nur sozialen Dabeiseins erschienen war, ist die Funktion des subkulturellen Kulturkonsums die eines anti-kulinarisch existentiellen Nichtdabeiseins und Abgrenzens, so als Negation der Negation des Kunsterlebnisses eine, zumindest dessen historisch-bürgerlichem Ideal verwandte, Erfahrungswelt begründend.“

Das klingt überhaupt nicht wie ein Spaß. Außerdem bleibt (sagt Diederichsen) dem, der nicht in Subkultur macht, nur „staatstragendes Dabeisein“ oder „Alibi/Schein-Nichtdabeisein“ („Friedensbewegung, SPD“). Die Subkultur, folgt der Reporter, ist gar kein Spaß, sondern eigentlich der Dancefloor-Flügel der RAF.

Wie schade: Über „My Jealous God“ und den „Chemical People“ und all den lustigen Jungs mit den Wollmützen und Rupfenjeans (oder Uzi-Maschinenpistolen) lauert der Überbau einer Theorie: WER NICHT FÜR UNS IST, IST GEGEN UNS! Und wer da SPEX-Autor ist und, Ausgabe für Ausgabe und egal wie alt, coolen, jugendlichen Slang aus seinem Griffel fließen läßt, muß (auf Anweisung seines Jugendherbergsvaters) „seine Praxis oder sein Leben darlegen, statt polizeiliche Zuträgerdienste leistend über irgend etwas zu berichten“. Und wer da tanzt und ahnungslos die Glieder schüttelt – tanzt streng auf Linie der Radikalkrampf-Theorien von anno 70/71. Radikal sein ist Krampf. Jungsein ist Krampf. Alles ist Krampf. Denn wie bitte darf man jung sein? Genau wie früher eben. Jungsein ist immer gleich (und gleich schrecklich und schwer). Aber die Jugendlichkeitsverwerter von heute sind Antiquitätenhändler.