Von Walter Manoschek

Das Kriegsjahr 1941 hatte im Südosten begonnen. In der Tradition der Blitzsiege überfiel die Wehrmacht im April 1941 Jugoslawien und Griechenland, um die südöstliche Flanke für den Angriff auf die Sowjetunion zu sichern. Seit Juni des Jahres drang das deutsche Heer auch unaufhaltsam nach Osten vor. Für den Krieg gegen die Sowjetunion hatte Hitler den größten Teil seiner Militärmaschinerie aufgeboten, um noch bis Jahresende den „Vernichtungskampf gegen den jüdischen Bolschewismus“ siegreich zu beenden.

Auch in Serbien, das im Gegensatz zu Kroatien unter deutsche Militärverwaltung gestellt wurde, waren noch im Laufe des Frühjahres 1941 alle Kampfverbände abgezogen worden. Mit einigen kampfunerprobten Besatzungsdivisionen glaubte die Wehrmacht auf diesem Nebenschauplatz auszukommen. Doch bereits im Sommer 1941 begann ein massiver Aufstand der Partisanen unter der Führung Titos gegen die deutschen Besatzer, der sich innerhalb weniger Wochen über das ganze Land ausweitete. „Die Räume sind zu groß! Die eingesetzten Truppen zu schwach!“ lautete der verzweifelte Hilferuf der Wehrmachtstellen. Resignierend meldete Militärverwaltungschef Harald Turner nach Berlin, „daß die hier zur Verfügung stehenden Truppen für den Kampf gegen die aufständischen Elemente bei den hiesigen Geländeverhältnissen, wie sich ergab, völlig ungeeignet waren“.

Auch der mit der Partisanenbekämpfung beauftragte Sicherheitsdienst der SS und die deutschen Polizeimannschaften gelangten nicht zum erhofften Ziel: „Sofortige Sühnemaßnahmen gegen Sabotageakte gegenüber der deutschen Wehrmacht, bei denen bis Ende August insgesamt rund 1000 Kommunisten und Juden erschossen oder öffentlich aufgehängt worden sind, bei denen Häuser von Banditen, sogar ein ganzes Dorf niedergebrannt wurden, konnten dem ständigen Anwachsen des bewaffneten Aufstandes nicht Einhalt gebieten.“

Nachdem das Oberkommando der Wehrmacht (OKW) das Ansuchen des Wehrmachtbefehlshabers in Serbien um Zuführung von zwei Polizei-Bataillonen und mindestens 200 SD-Leuten abgelehnt hatte, da Polizei und SD für Vernichtungsaktionen im Osten dringender benötigt wurden, beauftragte OKW-Chef Keitel im Namen des „Führers“ nunmehr die Wehrmacht mit der Partisanenbekämpfung. Als Befehlshaber von Serbien wurde General Franz Böhme nach Belgrad kommandiert. Hitler stattete den ehemaligen Leiter des österreichischen Heeresnachrichtendienstes mit allen Vollmachten aus, um „auf weite Sicht im Gesamtraum mit den schärfsten Mitteln die Ordnung wiederherzustellen“.

General Böhme gebrauchte diese Machtfülle als Freibrief zum Massenmord. Um den Partisanen ihren Rückhalt in der Bevölkerung zu rauben, sollte an der serbischen Zivilbevölkerung ein blutiges Exempel statuiert werden. Zuerst galt es ein ordentliches Feindbild aufzubauen und die Truppe auf ihre mörderische Aufgabe vorzubereiten. In einem haßerfüllten Tagesbefehl erinnerte Böhme an die „Ströme deutschen Blutes“, die im Jahre 1914 „durch die Hinterlist der Serben, Männer und Frauen, geflossen sind“, und forderte seine Soldaten auf, sich als „Rächer dieser Toten“ zu verstehen.

Für diese „historische Aufgabe“ waren auch die entsprechenden Opfergruppen bald gefunden. Am 2. Oktober ordnete Böhme an, für 21 gefallene Soldaten „2100 Häftlinge in den Konzentrationslagern Sabac und Belgrad (vorwiegend Juden und Kommunisten)“ zu erschießen. Eine Woche später erließ er einen Tagesbefehl, der die systematische Liquidierung der erwachsenen männlichen Juden (und der nichtseßhaften Zigeuner) durch die Wehrmacht einleitete. Böhme ordnete an, „verdächtige männliche Einwohner und sämtliche Juden“ festzunehmen und sie im Verhältnis 1 : 100 für jeden getöteten und von 1 : 50 für jeden verwundeten Wehrmachtsoldaten zu erschießen. Die Exekutionen waren nicht mehr von der Polizei oder dem SD, sondern von der Truppe selber auszuführen. Der Zugriff auf Juden und Zigeuner bot den praktischen Vorteil, daß sie bereits in Lagern interniert und als Geiselreservoir auf Abruf verfügbar waren.