Als Terrence Malick 1967 nach Bolivien ging, um über den Guerillakrieg zu schreiben, war Che Guevara bereits vom CIA aufgespürt und hatte nur noch wenige Wochen zu leben. Sissy Spacek ist mit Martin Sheen mordend durch den Mittleren Westen gezogen; nach seiner Hinrichtung erzählt sie „Badlands“ (1974), die Geschichte von Bonnie und Clyde aus South Dakota. In „Tage des Himmels“ (1978) berichtet Linda Manz, wie alles zugrunde ging in Texas im Jahr 1916. Das ist auch schon der einzige Trost, den die Filme Malicks bereithalten: daß wenigstens einer davongekommen ist.

Ein unbedingter Zerstörungswillen treibt Malick, läßt ihn Sets in Brand stecken, die viel Geld gekostet haben. Als Heuschrecken die Farm Sam Shepards überfallen, werden sie mit Feuer ausgeräuchert, doch das Feuer zerstört die Ernte mit noch mehr Leidenschaft als die gefräßigen Heuschrecken. Ein Land, so schlicht wie das Alte Testament, so böse wie in Murnaus Film für die Neue Welt, die Gottes eigenes Land sein wollte: „Our Daily Bread“ (1930).

„Tage des Himmels“ ist die Geschichte eines Verbrechers. In Chicago tötet Bill (Richard Gere) im Streit seinen Vorarbeiter, in Texas beredet er seine Freundin (Brooke Adams), die er als seine Schwester ausgegeben hat, den angeblich todkranken Farmer zu heiraten, um ihn zu beerben. Der Farmer stirbt aber nicht, so daß Bill ihn erstechen und seine kleine Familie, die er ansiedeln wollte, wieder auf die Flucht schicken muß. Dieses Land des weiten Himmels inszeniert Malick, als wollte er Gustav Mahler dabei zur Hand gehen, Karl Philipp Moritz zu vertonen und mit ihm das Lied von der Erde anzustimmen: „Und einst, da sie an einem warmen aber trüben Morgen vors Tor hinausgingen, sagte Iffland, dies wäre gutes Wetter, davonzugehen – und das Wetter schien auch so reisemäßig, der Himmel so dicht auf der Erde liegend, die Gegenstände umher so dunkel, gleichsam als sollte die Aufmerksamkeit nur auf die Straße, die man wandern wollte, hingeheftet werden.“ Malicks Bilder der amerikanischen Weite, dieser irdischen Unendlichkeit, erfordern einen Blick, den die deutsche Romantik als Schauen wie mit „weggeschnittenen Augenlidern“ beschrieben hat. Seine beiden Filme sind von atemberaubender Trostlosigkeit, einer Schönheit, die keinen Ausweg läßt. Als 1974 „Badlands“ herauskam, haben die Kollegen den Glücklicheren, der tatsächlich den Sprung von der Kritik zum Filmemachen geschafft hatte, mit Orson Welles verglichen. Was Michael Cimino nur in seltenen Momenten glückt, beherrschte Malick sofort und ohne Mühe: Geschichten von biblischen Ausmaßen, die dennoch nicht vom Größenwahn zerquetscht wurden. Wem zwei solcher Filme vergönnt sind, der muß offenbar hart bestraft werden. Nach „Badlands“, für 335 000 Dollar gedreht, gelang es Malick nur noch ein einziges Mal, Geld und einen teuren Stab zusammenzubringen, dann wurde ihm das Handwerk von einer Industrie gelegt, die das Geschäft der Gefühlsausbeutung ohnehin besser beherrscht. Seit 1976, als er in der kanadischen Provinz Alberta „Tage des Himmels“ drehte, konnte Terrence Malick keinen Film mehr machen.

Einmal steigt die ganze falsche heilige Familie von dem Hügel, auf dem das Farmhaus steht, herab und geht hinunter an den Bahndamm. Aus dem fahrenden Zug winkt hinaus in die dunkle Nacht Woodrow Wilson, der Friedenspräsident, der Amerika aus dem Krieg herauszuhalten versprach und es natürlich in die europäischen Schützengräben führte. Himmlische Tage waren nicht vorgesehen. Der Film lügt mit seinen unvergleichlichen Bildern, damit jeder die elende Wahrheit sehen kann: Sie ist zum Weinen.

Wanderer wollen Terrence Malick vor einiger Zeit gesehen haben, den Blick diesmal nicht auf die Straße hingeheftet, sondern an den Himmel über Texas, wo er versuchte, eine seltene Konjunktion von Mond und Venus zu filmen.

Willi Winkler