Von Fredy Gsteiger

Friede im Nahen Osten wird nicht schon morgen einkehren. Noch viele Male, noch jahrelang werden sich die israelischen und die arabischen Unterhändler wenig manierliche Worte an den Kopf werfen, werden sie zornesrot aus dem Sitzungssaal stürmen, werden Beobachter aus dem Abendland verständnislos den Kopf schütteln angesichts von so viel morgenländischem Starrsinn.

Gleichwohl: Seit die israelischen Wähler am vergangenen Dienstag zumindest rechnerisch eine linke, eine kompromißbereite Mehrheit in der Knesset möglich gemacht haben, ist der Friede für Palästina einen kleinen Schritt näher gerückt.

Wie in Jerusalem üblich, dürften die Koalitionsverhandlungen auch diesmal zäh verlaufen. Doch der neue Regierungschef wird auf jeden Fall Jitzhak Rabin heißen. Und selbst wenn er nicht mit den Gruppierungen links von seiner Arbeiterpartei paktiert, sondern eine Koalition der "nationalen Einheit" mit dem gebeutelten Likud vorzieht, werden er und seine Getreuen den Ton angeben. Sein hartleibiger Widersacher im Duell der alten Männer, der bisherige Regierungschef Jitzhak Schamir, ist klar unterlegen. Das heißt, daß zum ersten Mal nach Menachem Begins Erdrutschsieg für den rechten Likud vor fünfzehn Jahren das Prinzip "Land für Frieden" die israelische Politik im Friedensprozeß bestimmen wird.

Der siebzigjährige Exgeneral Jitzhak Rabin ist gewiß nicht der kühne Visionär, nicht der blauäugige Friedensapostel, der nun mutig in die Zukunft aufbrechen wird. Geflissentlich hat es die Arbeiterpartei unter seiner Führung vermieden, im Wahlkampf die heiklen Fragen anzuschneiden: Wieviel Autonomie will sie den Palästinensern auf der Westbank und in Gaza zubilligen? Welche territorialen Kompromisse wird sie nach der vorgesehenen fünfjährigen Autonomiephase eingehen? Und was geschieht mit dem Golan?

Noch hat sich Rabin selbst nicht zu einer Zweistaatenlösung durchgerungen. Doch hinter ihm stehen jüngere Politiker, stehen "Tauben", für die eine einvernehmliche Scheidung mit Gütertrennung zwischen Israelis und Arabern die beste denkbare Lösung ist. Auch so bleiben freilich diffizile Details zu regeln: Welche Sicherheitsgarantien braucht ein verkleinertes Israel, um ohne Angst existieren zu können? Und was geschieht mit Jerusalem, das Juden, Muslime und Christen gleichermaßen beanspruchen?

Aber all dies sind letztlich untergeordnete Fragen. Sie können geregelt werden, wenn auch in einem anstrengenden Tauziehen zwischen Völkern, die festgestellt haben, daß jede Alternative zu einem schmählichen Frieden noch schlechter ist.