Haben Autofahrer einen Charakter? Natürlich nicht: Sie haben deren viele. Besichtigt werden kann dies nahezu täglich auf der Autofahrer-Charakter-Teststrecke, zwei Steinwürfe von der Stuttgarter Markungsgrenze entfernt – auf der Autobahn Heilbronn-Stuttgart gleich bei der Anschlußstelle Feuerbach.

Kurz vor dem Engelberg verengt sich die Fernstraße von drei auf zwei Spuren. Solange der Verkehr rollt, sind die unterschiedlichen Charakterprofile noch an der Entfaltung gehindert. In Stauzeiten aber haben die Temperamente Gelegenheit, sich in voller Pracht darzubieten.

Da ist beispielsweise der Sanguiniker: Immer heiter, immer auf 180. Allzeit linksaußen sausend, genießt er gelbe Blinker, rote Schilder, weiße Striche, verachtet die blöden Schleicher rechts von ihm und fährt an allen vorbei, selbst wenn die Piste längst zweispurig ist. Hier ein Schlenker, dort ein Wedler, kurz gebremst, Gaspedal durch. Das Leben ist kurz und der Mittelstreifen auch zum Fahren da.

Ganz anders der Melancholiker. Im Gegensatz zum Phlegmatiker, der sich schon nahe der Ausfahrt Ludwigsburg-Süd in den Truckerpulk aus PI, PA und PO eingeordnet hat und ungerührt im Dieselmief erstickt, zieht der Melancholiker gleich beim ersten Warnschild brav auf die Mittelspur, entschuldigt sich winkend beim Hintermann, daß er ihm so nahe vor, beim Vordermann, daß er ihm so nahe hinter die jeweilige Stoßstange gefahren ist, und sinniert während der nächsten Stunde darüber, warum es vor allem BMW-Fahrer, Belgier und Mitarbeiter des Deutschen Paketdienstes sein müssen, die den brav wartenden Zeitgenossen frech den Blechpopo zeigen. Die Welt ist schlecht, besonders bei Ditzingen.

Der Choleriker aber schlägt sie alle. Beim ersten Warnblinklicht kurvt er abrupt, das Risiko von Blechschäden nicht achtend, von der Außenspur nach innen und zeigt Vorder- wie Hintermann gleichzeitig den Vogel. Dann droht er, leicht nach rechts driftend und Lastwagen abdrängend, den linken Vorbeifahrern mit der Faust, wird schließlich vom Zorn übermannt, rast wieder auf die dritte Spur hinaus, bremst dort quietschend auf 30 ab, zeigt den laut hupenden Nachrückern triumphierend ein aus Daumen und Zeigefinger geformtes rundes Loch, will schließlich wieder in die Mitte einscheren, findet keine Lücke mehr, wird vom Melancholiker für einen unverbesserlichen Sanguiniker gehalten, vom Sanguiniker als rücksichtsloser Phlegmatiker verurteilt und vom Phlegmatiker als das oben erwähnte Loch entlarvt. Hupen, Aufblenden, Brüllen, Fuchteln, Nervenzusammenbrüche, Anzeigen wegen Verkehrsbehinderung, Nötigung, Überholen im Überholverbot, Beleidigung.

Dieses bewegende Schauspiel menschlicher Regungen will uns der Verkehrsfunk, phantasielos wie immer, unter dem nichtssagenden Titel „zähfließender Verkehr vor dem Leonberger Dreieck“ verkaufen. Da hilft nur eines: Hinfahren und sich selbst testen.

Martin Hohnecker

(Aus der Stuttgarter Zeitung)