Sollten Sie bei Ihrem Buchhändler auf ein Buch stoßen, dessen Umschlag aussieht wie Resopal im Dekor „Eiche-Furnier“, verziert mit einer plastisch-grellen Zeichnung von zwei frischgezapften Bieren, verfaßt von dem Ihnen bislang völlig unbekannten Frank Schulz, versehen mit einer Leseprobe auf der Rückseite, die in Ihnen die Assoziation „Soft-Porno“ aufkommen läßt – dann tun Sie bitte nicht das Naheliegende und wenden sich achselzuckend der Abteilung „gute Literatur“ zu, sondern kaufen Sie das Buch.

Bei Frank Schulz’ erstem Roman „Kolks blonde Bräute“, für dessen Aufmachung der Autor hoffentlich nicht verantwortlich ist, handelt es sich um eins der besten Debüts seit langem. Mir ist jedenfalls kein literarisches Werk bekannt, das die Problematik des Alkoholismus in all seinen Schattierungen tiefgehender und glaubwürdiger zur Darstellung bringt, die einschlägigen Leistungen so unterschiedlicher Autoren wie etwa Joseph Roth, Ernst Herhaus oder Eckhard Henscheid eingerechnet.

Apropos Henscheid: Der Klappentext vergleicht „Kolks blonde Bräute“ mit dessen Debüt „Die Vollidioten“, nicht ganz zu Unrecht. Frank Schulz weiß natürlich von dem langen Schatten, den Henscheids Trilogie auf jeden neuen Versuch wirft, den Stumpf- und Dumpfsinn alkoholvernebelten Verhaltens, Denkens und besonders Sprechens literarisch zur Sprache zu bringen, und Schulz erweist Henscheid, wie auch einigen anderen Vorläufern, mit witzigen Anspielungen seine Referenzen; dennoch steht sein Roman auf eigenen, sehr eigenwilligen Füßen.

Henscheid schuf sich Distanz zum wirren und verwirrten Treiben seiner Figuren durch den ironisch gebrochenen, altväterlichen Erzählgestus des Beobachters im Stil Dostojewskijs, und auch Schulz erzählt seine Geschichte mit dem Abstand, der sich durch zwei überaus kunstvoll mit der eigentlichen Handlung verzahnten Rahmenerzählungen ergibt. Daß man einige der Gestalten dieses Buchs, die um die Hauptfigur, den Briefträger Kolk, gruppiert sind, nicht so schnell vergessen wird, liegt vor allem daran, daß Schulz sie in ihrem Sprachverhalten minutiös aufschlüsselt, ohne je einem Alltagsverismus zu verfallen.

Der Autor bedient sich dabei eines Kunstgriffs: Er gibt das hamburgische Idiom und den typischen Kneipenslang in einer Art Lautschrift wieder: „Lohgo! Lohgo finnich auch guhd lohgo! Mussich ma ehbm erzehln aso ich ahmdß ge’ahbeidet Tehlegramme zu’schdelln faschdeß du. Ich aso inne Karre und ab daführ...“

Selbst norddeutsche Leser dürften einige Zeit brauchen, um sich hier einzulesen; dann aber kommt es zu Wiedererkennungseffekten und zu dem sehr denkwürdigen Phänomen, daß Sprache immer fremder wird, je genauer man ihre lautlichen Feinstruktur anschaut.

„Kolks blonde Bräute“ ist ein sprachkritischer Roman. Schulz lotet, wie gesagt, mit einer erstaunlichen stilistischen Sicherheit und Variationskraft den Alkoholismus aus, zeigt dessen Komik, dessen Elend: „Irgendwann wollte er die Sensation des ersten Schlucks – ‚Der ehrßde Schlugg iß imma der geijlßde!‘ – immer wieder haben. Er wollte den ersten Schluck und das letzte Wort, auch wenn er es nicht mehr aussprechen konnte – ja, weder konnte noch wollte, noch tatsächlich je aussprach! Und doch ging es ihm ... in der Tat im Das Letzte Wort, das unaussprechliche, nach welchem die Dichter großspurig zu fahnden vorgeben. Insofern war Kolk simpel klüger als sie.“