Von Gabriele Venzky

Sardar Sarovar am indischen Narmada-Fluß ist das größte Staudammprojekt der Welt, und das umstrittenste zugleich. Der jüngste Angriff kommt von der amerikanischen Menschenrechtsorganisation Asia Watch: Die Behörden verletzten systematisch die Menschenrechte, die Polizei setze brutal Gewalt gegen die Betroffenen ein, heißt es in dem Bericht der Organisation. Die Weltbank solle deshalb auf die weitere Unterstützung für das Bauvorhaben verzichten, schreibt Asia Watch, wohl wissend, daß damit das ganze Projekt platzen würde.

Der Zeitpunkt für die Aktion ist mit Bedacht gewählt. Noch sind die zahlreichen Bekenntnisse zu einer „nachhaltigen“ Entwicklung in aller Ohren, die alle Staatsmänner beim Erdgipfel in Rio abgaben. Narmada soll nun zum Testfall dafür werden, ob es dem Norden ernst ist mit den Verpflichtungen, die er in Rio unterschrieben hat.

Die indische Regierung ist entschlossen, bereits im nächsten Monat das erste Dorf im Baugelände überfluten zu lassen. Über 400 Millionen Mark hat sie bereits in das Projekt investiert, nach Ansicht der Politiker in Delhi so viel Geld, daß man nun nicht mehr umkehren kann. Berauscht von der Dimension des Vorhabens, verspricht der Staat seinen Bürgern in großformatigen Zeitungsanzeigen „ein Zeitalter des Überflusses“. Der Narmada ist der fünftgrößte Fluß Indiens. An seinem 1300 Kilometer langen Lauf sind 11 Großstaudämme, 20 Dämme an den Nebenflüssen, 135 mittelgroße Staumauern, 400 Bewässerungsanlagen und 72 000 Kilometer Bewässerungskanäle geplant. Das Herz des Subkontinents wird aufgewühlt und umgegraben. Sieben Milliarden Dollar soll das nach heutigen Preisen kosten. 100 000 Hektar Wald müssen verschwinden, darunter die besten Teakholzvorkommen des Landes, 1,2 Millionen Menschen sind von den Baumaßnahmen betroffen, 100 000 werden aus ihren Heimstätten vertrieben. Es sind vor allem Adivasis, die letzten noch überlebenden Angehörigen der Ureinwohnerstämme, die ärmsten und benachteiligsten Menschen in Indien, die keine Lobby haben.

Im Interesse der Mehrheit müsse die Minderheit eben weichen, argumentieren die Befürworter von Narmada. Das Sardar-Sarovar-Projekt, das als Modell des nationalen Fortschritts bezeichnet wird, habe das Potential, zwanzig Millionen Menschen zu ernähren, eine Million zusätzliche Arbeitsplätze zu schaffen und die Wasserversorgung von dreißig Millionen Menschen sicherzustellen. Das Wasser und die 1200 Megawatt Strom, die ebenfalls erzeugt werden sollen, würden reiche Ernten und eine prosperierende Industrie nach sich ziehen. „Mit der Wasserknappheit ist es bald ein für allemal vorbei“, lockt die staatliche Betreibergesellschaft in den chronisch dürren Staaten Maharashtra, Madhya Pradesh und Gujarat, wo allein in diesem Jahr abermals über hundert Millionen Menschen vom Hungertod und dem Verdursten bedroht sind. Das Projekt sei für Indien überlebensnotwendig, heißt es. „Es gibt keine Alternative.“

Doch die rapide wachsende Schar der Kritiker bestreitet das. Der Regierung werfen sie Gigantomanie vor. Narmada ist zum absoluten Reizwort in Indien geworden und selbst im amerikanischen Kongreß fiel der Begriff vom größten geplanten Umweltdesaster der Welt.

Dabei hatte sich Indien zusammen mit China jahrzehntelang ungehindert als der größte Staudammbauer der Welt betätigen können, nachdem Nehru die riesigen Bewässerungsprojekte als Tempel des modernen Indien gepriesen hatte. 1554 Großprojekte sind nach der Unabhängigkeit entstanden. Doch nur knapp ein Drittel davon funktioniert richtig. Wegen schlechter Planung und Wartung geht der Segen der meisten Produkte durch Versumpfung, Verdunstung, Versalzung und durch Erosion verloren. Profitiert haben in der Regel nur die ohnehin Privilegierten. Nach vierzig Jahren geplanter Entwicklung leben vierzig Prozent der indischen Bevölkerung immer noch unter der Armutsgrenze. Das hat die Umweltschützer auf den Plan gebracht.