ZEIT: Sie sind Physiker, Philosoph, Friedensforscher, Lebensforscher, ein Mann, der die wissenschaftlich-technische und die humanistisch-literarische Kultur in seiner Person vereinigt. Und Sie sind mehr als ein Wissenschaftler: ein Denker, der es immer als seinen Lebenszweck angesehen hat, durch Besinnung auf die Politik einzuwirken. Gibt solche Vielfalt Halt und Hoffnung? Oder wird sie im Gegenteil zum Nährboden eines anthropologischen Pessimismus? Neigen Sie zu einer eschatologischen Sicht der Geschichte, oder ruhen Sie in einem meditativen Grundvertrauen?

Weizsäcker: Ich habe mich in der Tat für viele Dinge interessiert. Vom Naturell her bin ich Naturwissenschaftler, komme aber aus einer Familie, in der geisteswissenschaftliche Traditionen lebendig waren. Die Physik und die Philosophie waren für mich fast dieselbe Frage.

ZEIT: Wie lautet die Frage?

Weizsäcker: Was ist die Natur, die uns umgebende Wirklichkeit, aus der wir stammen? Ich habe Physik studiert aus philosophischem Interesse und Philosophie getrieben als Konsequenz des Nachdenkens über Physik. Hingegen rührte die Politik eigentlich aus einer Art von Pflichtgefühl. Ich stamme aus einer Familie, in der man Politik gemacht hat, und ich hatte als Kind natürlich auch einen träumerischen Ehrgeiz dafür. Später habe ich dann gesehen, man muß sich um Politik kümmern, wenn man in unserer Zeit Wissenschaft treibt.

Sie fragen, ob mich das pessimistisch oder optimistisch stimmt. Ich antworte darauf gern mit der Geschichte von den drei Fröschen, die in die Milch gefallen sind: ein Optimist, ein Pessimist und ein Realist. Der Optimist und der Pessimist gingen beide zugrunde. Der eine weil er nichts tat, da er dachte, es geht sowieso gut; und der andere, weil er dachte, es geht sowieso schlecht. Der Realist aber sagte: Ein Frosch kann nichts anderes-tun als strampeln. Also strampelte er. Und plötzlich war Butter unter seinen Füßen. Er kletterte nach oben und sprang heraus.

ZEIT: Aber Sie sind nie in den eigentlichen Milchtopf der Politik gesprungen?

Weizsäcker: Das ist auch kompliziert. Ich habe keinen politischen Beruf ergriffen. Man hat mir zweimal die Position des Bundespräsidenten angeboten. Ich habe nicht lange gebraucht, um nachzudenken, und dann gesagt: Das will ich nicht. Und zwar, weil ich damals mit meiner Wissenschaft so beschäftigt war, daß ich das Gefühl hatte, ich würde krank werden, wenn ich dieses Amt ausführen müßte.