Ich erinnere mich an das Ende einer Regenzeit im Osten Javas. Wir fuhren damals an den Abhängen des Vulkans Arjuna entlang nach Surabaya. Wir, das waren die Fahrgäste eines offenen Lastwagens, der ohne Fahrplan überall dort haltmachte, wo einer mit erhobenem Arm am Weg stand und sein Haus oder sein Dorf verlassen wollte. Fünfundzwanzig, vielleicht dreißig Reisende, hockten oder standen wir dicht gedrängt auf der Ladefläche, manche von uns mit nur leichtem Gepäck, andere mit ihrer ganzen Habe; auch das war nicht viel.

Die Straße war von den Rinnsalen und Sturzbächen eines morgendlichen Wolkenbruchs zerfurcht – und schon unter der Vormittagssonne wieder so ausgedörrt, daß alles Land hinter uns in einer Staubwolke versank. Ich stand damals zwischen einem Geflügelhändler aus Malang und einem Turm aus Hühnerkäfigen in der ersten Reihe, auf das Dach der Fahrerkabine wie auf ein Pult gestützt, konnte durch ein schmales Fenster den Rücken des Fahrers – und über das heiße Blech des Daches hinweg sehen, wie uns diese Straße aus Schlaglöchern und trockenen Bachbetten ansprang.

Langsam, sehr langsam, schaukelten wir auf die Küste zu und waren doch schnell genug, um schließlich ein zweites Fahrzeug einzuholen, einen offenen Laster, der dem unseren an Größe und Überladung glich. Er war mit Hirten oder Schlachtern besetzt: Sie drängten sich ebenso aneinander wie wir – nur, daß zwischen ihnen auch noch Ziegen standen, Schafe mit grellen Farbzeichen in der Wolle und kleine schwarze Schweine, wie man sie auch entlang unserer Route zwischen Reisfeldern und in hellgrünen, raschelnden Bambuswäldern sah.

Die vorausfahrenden Hirten oder Schlachter zu überholen war unmöglich. Die Hänge fielen steil ab, die Straße war schmal und zeichnete in unzähligen Kurven und Serpentinen den Faltenwurf des Vulkans nach. Also nahm unser Fahrer die Geschwindigkeit der Vorausfahrenden an, folgte ihnen aber so dicht, daß wir in ihrem Staub allmählich fahl wurden und durch den Motorenlärm das Quieken der Schweine und dann auch das hohe Kichern eines Mannes hörten, dem eine der Ziegen den Schweiß vom Hals leckte. Wie wir selbst und die Dörfer hinter uns verschwanden auch die Vorausfahrenden im Staub, wenn die Fahrt schneller wurde – und winkten uns jedesmal zu, wenn sie daraus wieder erschienen. Einige von uns, darunter auch ich, winkten zurück. Wir gewöhnten uns aneinander.

Als wir im Schrittempo ein kilometerlanges, baumloses Hochplateau durchquerten, wurde das Blechdach, auf das ich mich stützte, so heiß, daß ich aus meiner Tasche eine Zeitung nahm, um sie unter meine Ellbogen zu breiten. Es war eine reich bebilderte Tageszeitung, die ich einem Jungen abgekauft hatte, als im Getümmel einer Ortsdurchfahrt eine Schar von Verkäufern – Obsthändler, Spielzeugmacher, Wasserträger und Garköche mit ihren Karren – unser Fahrzeug umdrängte. Bemalte Sonnenschirme und kunstvoll geflochtene Hüte waren uns angeboten worden, Kissen aus Gras, dazu Mangos, Lychees, Jackfruits, Honigbananen und Sternfrüchte, Glückslose – und eben auch Nachrichten aus Java und dem Rest der Welt, Papier, mit dem ich später die durchnäßten Schuhe in meinem Gepäck ausstopfen wollte.

Als nun einer der vorausfahrenden Hirten oder Schlachter diese Zeitung in meinen Händen sah, hielt er seine hohlen Fäuste vor die Augen wie ein Fernglas und lachte. Meinte er tatsächlich mich? Ich strich die Zeitung glatt, hob sie hoch und zeigte ihm die Titelseite. Ein Fußballspieler war darauf zu sehen, der in Hüfthöhe über dem Boden zu schweben schien. Der Mann flog einem unsichtbaren Ball nach und auf einen Sieg oder eine Niederlage zu – ich konnte Überschriften und Bildunterschriften ebensowenig verstehen wie den Rest des Textes, war er doch in jener Kunstsprache abgefaßt, die auf den dreitausend bewohnten und elftausend unbewohnten Inseln Indonesiens als Landessprache gilt.

Die Bahasa Indonesia ist einfach und vielfältig zugleich. Ein Konglomerat aus dem Malaiischen, Sundanesischen, Javanischen ... und nahezu dreihundert weiteren Sprachen und Dialekten des Archipels, kennt diese Sprache kein grammatikalisches Geschlecht und keine Deklination, keinen bestimmten und keinen unbestimmten Artikel und unterscheidet auch nicht zwischen Einzahl und Mehrzahl. Was immer eines ihrer Wörter bedeutet, bedeutet es vor allem in einem größeren Zusammenhang.