Von Georg Blume

Tokio

Sei es im Golfkrieg, beim Umweltschutz oder bei der Unterstützung von Weltbank und Währungsfonds: Japan ist in den vergangenen Jahren zum Zahlmeister der internationalen Politik geworden. Doch wohl gefühlt hat sich die Wirtschaftsgroßmacht in dieser Rolle nie. Denn der Westen interpretierte Japans Spendierfreudigkeit oft nur als Nippons Eingeständnis seiner moralischen Führungsschwäche. Diesen Vorbehalt soll nun das eben in Tokio verabschiedete Blauhelm-Gesetz entkräften.

Das Gesetz, das japanischen Soldaten unter UN-Flagge erstmals seit dem Zweiten Weltkrieg den Einsatz im Ausland erlaubt, ist ein Meilenstein in Tokios Außenpolitik. Wenngleich der Gesetzestext vorsieht, daß Japan lediglich zweitausend Soldaten vorerst nur für humanitäre Missionen entsenden kann, setzt der Blauhelm-Beschluß ein unmißverständliches Signal für eine stärkere Einmischung des Landes in die Weltpolitik.

Schon auf dem Weltwirtschaftsgipfel in München soll der Wille Tokios deutlich werden, nun tatsächlich größere internationale Verantwortung zu übernehmen. Rechtzeitig zum Treffen der sieben reichsten Industrienationen hat die Regierungspartei ein umfangreiches Konjunkturprogramm angekündigt. Es soll mit der japanischen Binnennachfrage zugleich auch die Weltwirtschaft ankurbeln. Damit will Japan den Forderungen seiner Partner nachkommen. Der pazifische Wirtschaftsgigant hat sich schneller als erwartet aus einer kurzen Rezession befreit und erreichte bereits in den ersten drei Monaten dieses Jahres wieder ein solides Wachstum von 4,3 Prozent. Mehr denn je will Japan in München nun neben wirtschaftlicher Stärke politische Gleichwertigkeit mit dem Westen demonstrieren.

Gestärkt durch das Blauhelm-Gesetz, möchte Japans Ministerpräsident Kiichi Miyazawa im Kreis der Sieben zeigen, daß die Politik seines Landes nicht auf die undankbare Aufgabe des Zahlmeisters beschränkt bleiben soll. Tokio meldet vielmehr seinen Führungsanspruch an.

Als Generalprobe für München bot sich zum Wochenbeginn die in Tokio stattfindende Konferenz über den Wiederaufbau in Kambodscha an. Sie zeigte ein bisher unbekanntes Bild: Die Japaner beherrschten eine internationale Bühne. Sie hatten zuerst mit der Ankündigung, bereits in diesem Jahr Friedenstruppen nach Kambodscha zu entsenden, die Initiative an sich gerissen. Für die Konferenzteilnehmer war aber erst recht überzeugend, daß Nippon nun auch gewillt ist, den Löwenanteil bei der Finanzierung des teuren UN-Einsatzes zu tragen.