ARD, Dienstag, 30. Juni, 21.30 Uhr: "Die neuen Barbaren? Japan gegen die Welt"

Es ist Krieg in den Automobilfabriken, wenn sie in ihren Schutzanzügen mit schwerem Gerät auf die Karossen losgehen. Und sie siegen weltweit: Ihre Karossen, und nicht nur die, haben sich überall durchgesetzt. In den Trainingscamps ihrer Führungskräfte geht es zu wie in Militärlagern: Mit geschulterten Besen stehen sie zum morgendlichen Hoffegen in Reih und Glied. Mit gefalteten Händen hocken sie im eiskalten Wasser und harren aus, bis man sie heißt, wieder aufzustehen. Gemeinsame Torturen, gemeinsame Siege: Ein unüberwindlicher Gruppengeist gilt als die Hauptwaffe der japanischen "Ameisen", wie sie in Amerika spöttisch genannt werden.

So eine Gruppe agiert gewissermaßen blind: Sie ist ein großes Tier, dessen Lebensgesetz ein anderes ist als das der vielen einzelnen. Im Trainingscenter der Tempelstadt Ise gehen riesige Stämme zu Tal; auf ihnen bergab zu reiten gilt den Männern als unwiderstehliche Mutprobe. Die rutschenden, schlingernden Stämme zu sehen und die Menschlein, die versuchen, sich darauf zu halten, aufzuspringen, mitzurennen, die dabei zu Fall kommen, überrollt und zerquetscht werden, freiwillig – dies allein ist es wert, den Film anzusehen. Der Blick, den wir Fernsehzuschauer auf das Schauspiel haben, der Blick von außen, ist eigentlich unerlaubt. Aber er offenbart doch nicht mehr als ein für unsere Begriffe komisches und selbstmörderisches Kinderspiel.

Die Reportage von Peter Gatter und Martina Niembs beläßt es nicht beim Staunen. Die gefährliche Dimension der blinden Gefolgschaft wird deutlich beim Rückblick auf den letzten Weltkrieg, der die Japaner als besonders skrupellose Krieger in Verruf brachte. Die Blindheit des Individuums, das sich ganz der Gruppe unterworfen hat, das Gefährliche der japanischen Überanpassung zeigen sich auch im heutigen internationalen Wirtschaftskrieg. Denn natürlich hat ihr Siegen einen hohen Preis, den in diesem Fall die "Natur" zu zahlen hat. Trotz internationaler Verbote plündern sie den Pazifik nach wie vor mit Treibnetzen, gehen nach wie vor auf Walfang, roden die Wälder Indonesiens. Aber auch die innere Natur der Japaner kommt unter die Räder. Was wir von japanischer Kultur wissen, von Malerei und Theater, ist längst an den Rand gedrückt und zur Attraktion für Ausländer geworden. Nach einem fünfzehnstündigen harten Arbeitstag bleibt man gern passiv, am Gängelband der Unterhaltungsindustrie. Das japanische Disneyland hat täglich 80 000 Besucher, und der "Hamburger" rangiert vor der aufwendigen japanischen Küche. Massenweise hocken sie an ihren flimmernden Spielautomaten und finden hier, wie sie sagen, zu sich selbst. Das beliebteste Gesellschaftsspiel ist der Playback-Gesang zur Musik aus der Box. Man sieht ihnen dabei zu und kann sie nicht entdecken: Denn sie treten nicht hervor, sie tauchen nicht auf, sie bleiben undeutlich.

Es ist Krieg in Japan. Unter die Räder kommt eine alte Hochkultur – und kommen Menschen, die so wunderbar wie alle Menschen sind, sofern man es mit ihnen selbst, mit einzelnen allein zu tun hat.

Martin Ahrends