Berühmt geworden ist Elisabeth Borchers durch eine seltsam banausische Lyrik-Debatte. Am 20. Juli 1960 hatte die FAZ das Borchers-Gedicht „eia wasser regnet schlaf“ veröffentlicht – ein Proteststurm war die Folge. Das sanft-surreale Traumpoem, das die Begegnung mit einem „ertrunkenen Matrosen“ imaginiert, hatte die aggressiven kunstfeindlichen Instinkte der Nachkriegsdeutschen geweckt. Wochenlang tobte sich auf den Leserbriefseiten der FAZ der gesunde Menschenverstand deutscher Lyrik-Freunde aus, sammelte sich der lautstarke Mißmut über die „Leichenfledderei“ und das „schizophrene Gestammle“ einer „volltrunkenen Dichterin“.

Die neuen Gedichte von Elisabeth Borchers werden kaum mehr solche hysterischen Reaktionen auslösen. Das liegt zum einen an der wachsenden Indifferenz, die zeitgenössischer Lyrik beim Publikum entgegenschlägt, zum andern auch an der sprachlichen Gestalt der Gedichte selbst. Es sind stille, meditative Verse, poetische Gleichnisse und Denkbilder, die sich aller auftrumpfenden Metaphorik enthalten. Die surrealistischen Bildelemente der frühen Gedichte sind verschwunden, alles bloß poetisierende Dekor hat Elisabeth Borchers aus ihren Texten verbannt. Statt dessen dominiert nun radikale Verknappung, die strenge Konzentration auf ebenso einfache wie elementare Wörter und Bilder. „Wir halten Einkehr / in den kleinen Wörtern / in den älteren Bildern“, heißt es programmatisch im Gedicht „Rückschritte“.

Resultate dieser poetischen „Einkehr“ sind Gedichte in elegischem Ton, in die sich die Erfahrung von Vergänglichkeit und Sterblichkeit eingeschrieben hat. Gedichte mitunter, die einem christlichen Gebet ähneln, dessen Heilsgewißheit jedoch ins Negative kehren: „Trauer, mein Text / ich übe dich täglich“. Auch wenn Elisabeth Borchers ihre Neigung zur Elegie zur ironisieren versucht, bleibt sie doch ein Teil ihrer melancholischen Wahrnehmung. Nur selten hellt sich der unheilsschwangere Blick auf, beschwört das lyrische Ich die erlösende Kraft des Dichterwortes. „Rette uns, sage ich / zur eben gelesenen Zeile / (Schön ist die Menschenvernunft / und unbesiegbar. Cszeslaw Milosz) / bevor es zu spät ist.“ Aber schon in den darauf folgenden Zeilen wird diese Hoffnung wieder verworfen: „Wir sterben aus / langsam / von einem zum anderen Tag.“

Solche lapidaren Verse markieren unfreiwillig auch die Grenze, an der die poetische Einfachheit ins Eingängige und Banal-Spruchhafte umschlägt. Sobald das poetische Bild jedoch seine komplexe Mehrdeutigkeit entfalten kann, finden wir bei Elisabeth Borchers wunderbare, vollkommene Gedichte („Vom Eindringen des Imperfekts in die Grammatik des heutigen Tages“):

Die Erde bricht wie Brot.

Ich geh zu Grund, klagt das Meer.

Das Feuer, dies sanfte Delirium.