Von Carl D. Goerdeler

Nur sieben Stunden brauchten am 22. Mai die Wirtschaftsminister von Argentinien, Brasilien, Paraguay und Uruguay, um sich auf einen „verbindlichen und realistischen“ Terminplan zu einigen, nach dem die Volkswirtschaften ihrer Länder angeglichen werden sollen. Dann fiel die Energie und damit das Licht im prächtigen Marmorsaal der Banco de la Naciön Argentina zu Buenos Aires aus. Die Sekretäre mußten noch in der Nacht die am Computer geschriebenen Protokolle rekonstruieren und ihren Ministern zur Unterzeichnung an der Bettkante vorlegen.

Energiemangel und Kurzschluß gefährden seit Anbeginn das ambitiöse Projekt eines gemeinsamen südamerikanischen Marktes, das die Präsidenten Carlos Menem, Fernando Collor, Andres Rodriguez und Luis Lacalle am 26. März 1991 in Asunción feierlich aus der Taufe gehoben hatten. Der Mercado Comün del Sur (Mercosur) soll am 1. Januar 1995 vollendet sein, aber bis heute ist man über einen vorsichtigen Abbau der Zollgrenzen nicht hinausgekommen. Am kommenden Wochenende wollen nun die Gründungsväter im argentinischen Skiparadies Las Leñas Zwischenbilanz ziehen und einen neuen Durchbruch wagen. Sie stehen vor einer Lawine von ungelösten Problemen.

Die Mercosur-Gründungsurkunde verspricht in 24 Kapiteln nicht weniger als eine gemeinsame Freihandelszone, eine Zollunion, eine untereinander abgestimmte Handels-, Agrar-, Industrie-, Steuer- und Geldpolitik, freien Güter- und Kapitalverkehr und einen gemeinsamen Arbeitsmarkt. Wozu die Europäische Gemeinschaft drei Jahrzehnte benötigte, wollen die Latinos also in drei Jahren schaffen.

Dabei sind die vier Vertragspartner so verschieden wie die Bremer Stadtmusikanten. Brasiliens Bruttosozialprodukt ist viermal so groß wie das Argentiniens und vierzigmal größer als das von Uruguay und Paraguay. Der Mann in Montevideo verdient im Schnitt doppelt soviel wie der in Asunción. Argentinien kennt kaum Analphabeten, in Brasilien kann ein Viertel der Bevölkerung nicht lesen und schreiben. Die Teuerung beträgt zur Zeit in Brasilien monatlich 22 Prozent, soviel wie in Argentinien im ganzen Jahr. Brasilien besitzt den größten Industriepark Lateinamerikas, Argentinien ist die Kornkammer des Kontinents, Uruguay ein Bankenzentrum, Paraguay das Schmugglernest. Der Öffnungsgrad – am Verhältnis von Außenhandel zur wirtschaftlichen Gesamtleistung gemessen – ist in Uruguay (36 Prozent) mehr als doppelt so hoch wie in Argentinien (17 Prozent), Paraguay (17,9 Prozent) und Brasilien (14,3 Prozent). Daß die Südamerikaner den Wirtschaftsriesen Nordamerika, Europa und Asien den Schlaf rauben könnten, ist völlig ausgeschlossen.

Trotzdem ist der Grundgedanke richtig, sich zusammenzuschließen angesichts eines unsicheren Ausgangs der Uruguay-Runde über globalen Freihandel und der drohenden Festungsmauern um die Wirtschaftsblöcke im Norden. Lateinamerika hat seit dem Koreakrieg mehr und mehr an Bedeutung verloren; sein Anteil am Welthandel ist von zwölf Prozent auf sechs Prozent gesunken.

Untereinander wickeln die Latinos nur einen winzigen Bruchteil ihres Außenhandels ab, die Waren- und Kapitalströme nach Übersee sind sechs- bis zehnmal so stark. Um dieses Defizit auszugleichen, entwickelten die Strategen der Uno-Wirtschaftskommission für Lateinamerika (Cepal) bereits vor Jahrzehnten Pläne zur Belebung der intrakontinentalen Wirtschaftsbeziehungen. Sie blieben Papiertiger, denn die südamerikanischen Operettengeneräle fürchteten offene Grenzen. Erst mit der politischen Öffnung wuchsen die Chancen regionaler Märkte.