Von Ludwig Siegele

In diesem Fall zieht es der Pariser Starschreiber vor, anonym zu bleiben. Aber dafür wird er um so deutlicher: "Schauen Sie sich Capital und die anderen Magazine von Prisma Presse doch an: so geschmacklos wie pasteurisierter Käse", meint er mit Verachtung in der Stimme. "Und die Methode von Axel Ganz ist extrem gefährlich für uns Journalisten: Er fragt die Leser, was für eine Zeitung sie wollen. Dabei ist es doch unsere Aufgabe, ihnen eine neue Welt zu eröffnen."

Eines ist sicher: Axel Ganz, Chef von Prisma Presse, einer Tochter des Hamburger Verlagshauses Gruner + Jahr, ist derzeit nicht gerade der beliebteste Medienmanager jenseits des Rheins. Kein Wunder: Er ist der erfolgreichste. Nachdem er Prisma Presse in wenigen Jahren zum zweitgrößten französischen Zeitschriftenkonzern aufgebaut hatte, brachte er jetzt ein neues Bravourstück zustande. In nur neun Monaten hat der 54jährige gebürtige Badener seinen neuen Titel Capital zum größten Wirtschaftsmagazin des Landes gemacht – mit durchschnittlich 200 000 verkauften Exemplaren im Monat, mehr als doppelt soviel wie geplant.

Doch die Konkurrenten ärgern sich weniger über die Verkaufszahlen, sondern über die Berufsauffassung des Deutschen, der bisher vor allem mit Frauenmagazinen (prima, Femme Actuelle) reüssierte. Sein Credo – "Die Presse ist ein Produkt wie jedes andere" – stellt schlichtweg die Antithese des französischen Journalismus dar. "Der Erfolg von Capital", schrieb das linke Wochenmagazin Nouvel Observateur, "hat die ganze Branche in einen Schockzustand versetzt."

Situation und Geschichte der französischen Wirtschaftspresse sagen viel über den gelungenen Einstand des Blattes. Vor allem die Magazine stecken in einer tiefen Krise. Das Schicksal von Science et Vie Economic, einem der besseren Monatsblätter, ist da bezeichnend: Im vergangenen Jahr verlor es knapp ein Drittel seiner Anzeigen und fast ein Zehntel seiner Leser. Anfang der Woche verkündete der Verleger, die 1984 gegründete Zeitschrift werde demnächst vom Markt verschwinden.

Der nächste Abgang könnte spektakulärer werden: La Tribune de l’Expansion, das zweite tägliche Wirtschaftsblatt neben Les Echos, schreibt rote Zahlen in Millionenhöhe. Rund fünfzehn Millionen Mark sind es voraussichtlich in diesem Jahr, bei einem Umsatz von fünfzig Millionen. Jean-Louis Servan-Schreiber, Chef des Tribüne-Verlages Groupe Expansion, sucht derzeit in ganz Europa nach neuen Geldgebern. Wird er nicht bald fündig, müssen sich die fünfzig Journalisten einen neuen Job suchen.

Viele Herausgeber hat die Panik gepackt. Fast alle versuchten sie in den vergangenen Monaten, ihre Publikationen kräftig aufzumöbeln: L’Expansion, das bisher führende Magazin und ebenfalls ein Produkt der Groupe Expansion, legte sich ein neues Layout zu und setzte auf lange Hintergrundberichte. Der Nouvel Economiste änderte ebenfalls das Äußere, strich aber die Artikel konsequent zusammen. Challenges schließlich tauschte die Redaktion aus und senkte seinen Verkaufspreis um fast die Hälfte. Die hektischen Aktionen werden viele Blätter kaum retten können. "Auf dem krisengeschüttelten Markt stehen die Zeichen auf Umstrukturierung. Mehrere Titel werden verschwinden", meinte kürzlich das Branchenblatt Strategies. Doch die nach wie vor lahme französische Konjunktur ist nur der äußere Anlaß für die Krise. Die Ursache liegt tiefer: Die Wirtschaftspresse hat sich zwar in den achtziger Jahren in einem rasanten Prozeß beeilt, den amerikanischen Vorbildern nachzueifern – und blieb doch urfranzösisch.