Zagreb

Er richtet den Blick starr geradeaus, als fixiere er ein Ziel in der Ferne. Zu trinken bestellt er einen Milk-Shake. Aus seinen Worten trieft Geringschätzung für die Kameraden an der Front: „Zum Frühstück schon Schnaps! Die sterben eher an Leberzirrhose als an einer Kugel.“ Auf seinen Kragenspiegeln blinken das rotweiße Schachbrettmuster der kroatischen Fahne und ein silbernes U.

Sein Mitteilungsbedürfnis kennt keine Grenzen: „U für Ustascha – das bedeutet Aufständischer oder einfach Patriot.“ Es ist das Abzeichen der HOS, des militärischen Arms der Partei der Kroatischen Rechten: „Die entschlossensten Kämpfer“. Mag er das Verhältnis zwischen HOS und der kroatischen Nationalgarde beschreiben? „Ganz einfach, so wie SS und Wehrmacht.“

Ein Jahr nach Ausbruch des Krieges im zerfallenden Jugoslawien hat sich die öffentliche Meinung in Westeuropa und Amerika von einem anfänglichen Abwarten („zu verworren“) zur Parteinahme für Kroatien gewandelt: Die Serben sind die Aggressoren. Eingedenk der – ebenfalls genau ein Jahr nach den ersten schweren Gefechten – aufgekommenen Debatte im Westen, ob das Blutvergießen auf dem Balkan nicht anders als mit Gewalt zu beenden sei, brächte es Erleichterung, entschieden urteilen zu können: Serben Täter, Kroaten und alle anderen Opfer. Aber nun dieser redebereite junge Mann im Tarnanzug in der Halle eines Zagreber Hotels.

Das Angebot, etwas zum Essen zu bestellen, schlägt er aus. „Es tut gut, ein wenig abzuspecken.“ Schließlich sei dies ein „recht komfortabler Krieg“. Im Neoplanbus führen sie von der Kaserne bei Zagreb zur Front. Dort würden sie in Häusern verjagter Serben untergebracht, alle mit Dusche: „Wir leben gut.“ An der Ausrüstung gebe es nichts zu bemängeln. „Schuhe von Honecker“, sagt er, „und Gewehre von der Caritas.“ Zum Beweis schnürt er die Stiefel auf, kramt Munition aus den Taschen, alles von der NVA, in Kisten mit den Aufschriften der katholischen „Organisation für praktisch geübte christliche Liebes-Hilfstätigkeit“ von Deutschland nach Kroatien geschickt.

Er spürt Zweifel und wartet mit Details auf, die seine Darstellung glaubhaft machen. Seine Einheit? „1. Bataillon, 1. Kompanie der motorisierten Brigade der kroatischen Nationalgarde.“ Letzter Einsatzort? „Nahe der Stadt Livno, am ‚Hufeisen‘, wo die Straße um den Cincar-Berg läuft.“ Das liegt im Gebiet von Bosnien-Herzegowina, reguläre kroatische Einheiten kämpfen dort nicht. „Aber die kroatische Regierung verbietet niemandem, freiwillig dorthin zu gehen. Gleichwohl: Die Schläge in den Rücken durch die kroatischen Politiker sind genausoschlimm wie die der Tschetniks von vorne.“

Der junge Mann zeigt seinen Ausweis. Claudio Care heißt er, 23 Jahre ist er alt. Der Name klingt italienisch, woher kommt er? „Ich bin Italiener, seit Oktober 1991 bei der kroatischen Nationalgarde, vorher Feldwebel der italienischen Panzergrenadiere.“ Was treibt ihn an? Verdingt er sich als Fremdenlegionär? Kämpft er aus Solidarität mit den Kroaten? „So wie die Kroaten sich von Jugoslawien lösten, muß sich der italienische Norden vom Süden trennen – ich wünsche mir eine unabhängige Lombardei, meine Heimat.“