Von Hanns-Bruno Kammertöns

Fachwerk wechselt sich ab mit Fachwerk, Fremdenführer verrichten im niedersächsischen Celle ein dankbares Amt. Rund 75 000 Einwohner, ein Ort wie eine Puppenstube. Aufgeräumt, mit malerisch verwinkelten Gassen, in denen Besucher ihre Köpfe zurücklehnen und hinaufblicken auf Fassaden und goldene Inschriften. „Wo Godt, keine Not.“ Doch die Idylle trügt. Zwei Kinder sind tot, in Celle wird ein Mörder gesucht.

Die Kriminalpolizei ist sich sicher, daß es ein und derselbe Täter war, dem der neunjährige Rudi Bröckel und der sechsjährige Michael Reinecke zum Opfer fielen. Beide, so sagt die Polizei, seien blond und zierlich gewesen. Beide wurden mit Messerstichen getötet. Rudi Bröckel, soviel steht fest, wurde sexuell mißbraucht.

Der Junge verschwand vor gut drei Monaten. Er befand sich auf dem Weg nach Hause. Nur wenige Meter von der elterlichen Wohnung in Altencelle muß ihn jemand mitgenommen haben. Niemand hatte etwas bemerkt. Vier Tage später wurde seine Leiche in einem Waldstück östlich von Celle gefunden. Außer einer Messerklinge fand die Polizei keinerlei Spuren.

Anders bei Michael Reinecke, der vor rund zwei Wochen in einem Waldstück westlich von Celle gefunden wurde. Es meldeten sich Zeugen, die gesehen hatten, wie Michael zu Hause vor der Wohnung seiner Eltern in Sanne, einem Dorf in Sachsen-Anhalt, etwa 110 Kilometer von Celle entfernt, in ein blaues Auto stieg. Ein Opel Kadett D sei es gewesen, mit Celler Kennzeichen. Eine Frau gab zu Protokoll, an einer Ampel vor Salzwedel habe sie neben dem blauen Kadett halten müssen. Den Mann am Steuer, etwa dreißig Jahre alt, beschreibt sie als „braun gebrannt und muskulös“. Neben ihm habe ein kleiner Junge gesessen und „gequengelt“. Es habe sich so angehört, als habe er nach Hause gewollt, der Mann habe daraufhin „halt ’s Maul“ gesagt. Die Ampel zeigt Grün, die Frau biegt ab nach links, der Kadett nach rechts. Zeugen für das, was weiter geschah, gibt es nicht. Was es gibt, ist ein Phantombild und das Wissen um diesen blauen Kadett.

Erich Philipp, 52 Jahre alt und Kriminaldirektor bei der Polizei in Celle, nimmt für sich in Anspruch, die Dinge emotionslos zu sehen. Schildert er seinen Erkenntnisstand, dann geschieht dies mit buchhalterisch anmutender Sachlichkeit. Was der Täter mit den beiden Jungen machte, Philipp erzählt es, ohne daß ihm ein Ekel anzumerken wäre. Er verweist auf die Strafprozeßordnung, die seine Aufgabe klar definiere, aber dann sagt er auch: „Es waren Kinder.“

Ob sich die Leute, die sich später bei der Polizei als Zeugen meldeten, womöglich allzu gleichgültig verhielten? Ob es nicht besser gewesen wäre, sich entgegen aller Gewohnheit einzumischen – wer wollte darüber richten? Der Kripo-Chef spricht nicht darüber. Abgesehen davon ist diese Frage nun müßig, eine andere aktuell, und sie zielt auf die Polizei: Wann findet ihr endlich diesen blauen Kadett? Die Ungeduld unter der Bevölkerung ist allenthalben zu spüren. Und sie wird auch geäußert. Beispielsweise am Tresen in einer Celler Altstadtkneipe, wo, in der Zeit zwischen zwei Bieren, die Erkenntnis die Runde macht, daß es doch „nicht so schwer“ sein könne, „dieses verdammte Auto zu finden“.