KARLSRUHE. – Die Sonne scheint an diesem Fronleichnamstag von einem wolkenlosen Himmel herab. Abseits der Hektik des 91. Katholikentags baut die Rockgruppe Akzente vor der evangelischen Johanniskirche in der Karlsruher Südstadt ihre Anlage auf. Der Leadsänger testet sein Mikrophon. "One, two. One, two. Der Gott der Menschen ist auch der Gott der Tiere, quält sie nicht weiter bis in den Tod."

Neben der Bühne ist ein Klapptisch aufgestellt, auf dem unablässig ein Metronom tickt. "Jede Sekunde sterben Tiere für uns Menschen", erklärt ein Schild. Daneben steht ein Korb voll weißer Kerzen: "Für Tiere in Not". Die Kerzen sollen in einem Tierkäfig angezündet werden, der vor dem Kirchenportal aufgebaut wurde. An Infoständen liegen Broschüren bereit: "Spanien-Besucher! Boykottiert den Stierkampf!" – "Das Nutztier geht jeden an!" – "Gegen eine Haltung des Geflügels, der Kälber und Schweine in künstlichem Dämmerlicht". Ein stattliches Büchersortiment rundet das Angebot ab, etwa mit Titeln wie "Meine Kuh will auch Spaß haben" von Astrid Lindgren.

Um 13.30 Uhr soll hier unter freiem Himmel ein "ökumenischer Gottesdienst für Mensch und Tier" abgehalten werden. Für Mensch und Tier? Ja, sagt die evangelische Pfarrerin Ines Odaischi, Tiere seien auch eingeladen. Aber vermutlich werden nicht viele Leute ihre Tiere zum Katholikentag mitgebracht haben. In der Tat, knapp bevor der Gottesdienst beginnt, sind die Menschen eindeutig in der Überzahl. Außer ein paar Hunden ist sonst nur noch eine Schildkröte anwesend, die ein junges Paar in einem Handtuch auf dem Arm trägt. Zwei ältere Damen in der ersten Reihe bestätigen einander angeregt, daß Schildkrötensuppe doch eine wahre Delikatesse sei.

Pfarrerin Odaischis katholischer Amtsbruder, der mit ihr den Gottesdienst gestaltet, ist Pfarrer Karl Wilhelm Bruno aus Wiesbaden. Beide haben vor vier Jahren die Aktion Kirche und Tiere (Akut) mitgegründet, die sich am Wort Jesu aus dem Markus-Evangelium orientiert: "Gehet hin in alle Welt und prediget das Evangelium aller Kreatur." Akut will die "Bewußtseinsbildung für die Rechte der Tiere in Kirche und Gesellschaft" vorantreiben und "den Tieren in Kirchen und Gemeinden Raum geben".

Grundlage der Arbeit ist das sogenannte "Glauberger Schuldbekenntnis", benannt nach dem Gründungsort der Aktion in Hessen. Darin heißt es unter anderem: "Wir bekennen vor Gott, dem Schöpfer der Tiere, und vor unseren Mitmenschen: Wir haben als Christen versagt, weil wir in unserem Glauben die Tiere vergessen haben ... Wir waren als Kirche taub für das Seufzen der mißhandelten und ausgebeuteten Kreatur." Unterzeichnet haben das Bekenntnis inzwischen zahlreiche Pfarrer und Theologen aus dem In- und Ausland, darunter Pastor Heinrich Alberto und der Theologe Eugen Drewermann.

Zum Gottesdienst vor der Karlsruher Johanniskirche haben sich an die zweihundert Menschen eingefunden. Bevor es losgeht, verteilen Tierversuchsgegner ein "Liederblättle" mit den Texten der Stücke, die Akzente spielen wird. Pfarrerin Odaischi eröffnet den Gottesdienst mit einem Gebet, dann fordert der Akzente-Bandleader, der auch alle Lieder geschrieben hat, zum "Mitmachen" auf. Zu einer anspruchslosen Schunkelmelodie singen Band und Publikum: "Der Gott der Menschen ist auch der Gott der Tiere, quält sie nicht weiter bis in den Tod. Gebt die Tiere frei, damit der Himmel die Erde berührt."

Laut hallt die Musik über den Platz. Eine schwarze Promenadenmischung drückt sich ängstlich an Frauchens Beine. In der dritten Reihe legt sich ein Schäferhund auf den Rücken und streckt die Beine empor. Beim nächsten Lied klappt das Mitsingen nicht so gut, was daran liegen mag, daß ein metrisches Schema nicht erkennbar und die Melodie daher wenig eingängig ist: "Wer hat das Recht, Hasen ätzende Flüssigkeiten in die Augen zu spritzen, um Geschirrspülmittel zu testen?"