Von Theodor Eschenburg

Die meisten Minister und Reichsstaatssekretäre in Preußen-Deutschland gingen aus dem Beamtenstand hervor; manche davon waren auch Landräte gewesen. Über ihre Tätigkeit wissen wir nur wenig. Um so wertvoller ist das Erinnerungswerk von Felix Busch (1871-1938), das Julius H. Schoeps herausgegeben hat.

Eine interessante Karriere: Als Assessor war Busch bei den Gerichtsbehörden in Spandau und Berlin sowie an der Regierung in Kassel und im Landratsamt in Hanau, dann in verschiedenen Banken tätig, für kurze Zeit dem Landrat in Herford zur Hilfeleistung überwiesen, einige Jahre im Oberpräsidium in Posen – mit einer Bevölkerung von einem Drittel Deutschen und zwei Dritteln Polen. Von Posen ging er für ein Jahr zum Staatskommissar an der Berliner Börse; 1905 wurde er mit der Verwaltung des Landratsamtes im Kreis Hörde beauftragt, 1907 ins Finanzministerium berufen, im März 1908 Vortragender Rat (was heute dem Ministerialrat entspricht); 1911 kommissarischer Landrat im Kreise Niederbarnim; von 1917 bis 1920 war er Unterstaatssekretär im preußischen Finanzministerium als Nachfolger des zum Reichskanzler ernannten Michaelis.

Das Buch bezeugt die sorgfältige Auslese der höheren Beamten Preußens. In der Tat gab es in Preußen keine Ämterpatronage. Die Parteien, auch die konservativen, hatten auf die Einstellung und Beförderung der höheren Beamten keinerlei Einfluß. Gewiß wurden Angehörige der studentischen Korps bevorzugt. Sie boten Gewähr für eine konservative Haltung. Aber das Angebot war so groß, daß eine strenge Qualifikationsauslese getroffen werden konnte. Friedrich Stampfer, in der Weimarer Republik Chefredakteur des sozialdemokratischen Vorwärts, schreibt in seinem Buch „Die vierzehn Jahre der Ersten deutschen Republik“: „Deutschland war, als der Weltkrieg begann, das wirtschaftlich stärkste, best verwaltete und schlechtest regierte Land Europas.“ Der Sozialdemokrat Otto Braun, ein hochbefähigter Administrator, preußischer Ministerpräsident mit kurzen Unterbrechungen von 1920 bis 1933, schreibt in seinen Memoiren „Von Weimar zu Hitler“: „So sehr auch im alten Preußen bei der Auswahl für leitende Posten die konservative Patronage ausschlaggebend war, so wurden doch für die Arbeitsposten der Ministerien, d.h. für die Hilfsarbeiter und Vortragenden Räte, in der Regel die bestqualifizierten, fähigsten Beamten aus der Provinz herangezogen. Diese Leute wußten viel und konnten etwas. Denn man mag politisch die reaktionäre Einstellung und den militanten Bürokratismus der altpreußischen Verwaltung noch so sehr verurteilen, wenn sie gleichwohl in administrativer Hinsicht funktionierte, so verdankte sie das nicht zum geringsten ihrer unbestechlichen und bei aller Einseitigkeit durchgebildeten Beamtenschaft.“

Busch ist ein Beweis für diese Auffassung. Er schreibt in Distanz zu seinen Funktionen, ohne Überheblichkeit und Angeberei. Ich zitiere eine Stelle, die charakteristisch ist: „In dieser Hinsicht war mutatis mutandis die Stellung des Landrats mit derjenigen des Generalstabsoffiziers zu vergleichen. Jedenfalls war es eine große Seltenheit, wenn jemand Regierungspräsident oder Oberpräsident wurde, der sich nicht als Landrat bewährt hatte.“ Die Generalstabsoffiziere mußten in ihrer Laufbahn Frontdienst leisten, um befördert zu werden. Deshalb sind Landräte oft nicht lange in dieser Funktion geblieben, weil sie ins Ministerium berufen wurden, und andererseits sind jüngere Ministerialbeamte Landräte geworden. Das Buch zeigt, wie sehr man damals im Gegensatz zu heute vom „Ressortpatriotismus“, wie es Bismarck genannt hatte, entfernt war. Das zeigt schon die Karriere von Busch in ihrer Mannigfaltigkeit.

Der Landrat war preußischer Staatsbeamter und ehrenamtlich zugleich Kreisbeamter. Er wurde vom König ernannt. Der Kreistag hatte das Recht, geeignete Persönlichkeiten vorzuschlagen. Vielfach war dieser dazu nicht in der Lage. Dann ernannte der König einen kommissarischen Landrat. Hatte der sich im Verlauf etwa eines halben Jahres das Vertrauen der Kreisinsassen erworben, dann verzichtete der Kreistag auf sein Vorschlagsrecht. Parteipolitische Tendenzen spielten keine Rolle. Man darf allerdings nicht vergessen, daß die Kreistage nach dem sehr ungerechten preußischen Dreiklassenwahlrecht gewählt wurden, also die Begüterten in Ostelbien, vor allem der Großgrundbesitz, einen Vorsprung hatten.

Wenn der Landrat von den Ministerien so begehrt wurde, dann deswegen, weil er am Schnittpunkt von Verwaltung und Bevölkerung stand. Das zeigt Busch an einer Reihe von Beispielen. Er spricht von „der Universalität der kommunalen Aufgaben“. Die Verwaltung des flachen Landes mit der Vielzahl mittlerer und kleinerer Städte und Gemeinden war ja eine ebenso dringende wie ungewöhnlich schwierige Aufgabe. Da reicht die juristische Ausbildung bei weitem nicht aus. Busch braucht das Wort, das schon damals bekannt war, vom Landrat als König des Kreises. Bei den vielen Differenzen zwischen den einzelnen größeren und kleineren Gemeinden war er der Schiedsrichter, und vor allem war er bei Einrichtungen, die aus mannigfachen Gründen die einzelnen Gemeinden nicht übernehmen konnten, wie zum Beispiel Kreiskrankenhaus oder Berufsschulen, der Koordinator. Das waren alles sehr viel mehr administrative als rein politische Aufgaben.