Stapelte man die Monatsproduktion deutscher Buchverlage an Reiseführern und Bildbänden auf einen Haufen, würden wahrscheinlich selbst Altpapierrecycler die weiße Fahne hissen. Selbst sie würden wahrscheinlich fragen: Na und?

Die Frage sei also erlaubt: Was bleibt? Schön ist die Welt? Womöglich gar bunt, ethnisch vielfältig, sicherlich fremd und abenteuerlich? Zu preisen ist hier hingegen eine „Sommerverlobung“, wie der Untertitel eines Buches verspricht, das die Frankfurterin Simone Borowiak geschrieben hat und das mit „Frau Rettich, die Czerni und ich“ betitelt ist.

Und um es vorweg zu sagen: Es ist das erste Reisebuch seit Kurt Tucholskys „Schloß Gripsholm“, das diesen Namen verdient, das erste Büchlein, das nicht so tut, als sei der Urlauber darauf erpicht, letzte Bildungslücken mittels gequälter Besuche in irgendwelchen Kirchen und Kunsthäusern dieser Welt zu stopfen. Auf „Museumsnachsorge“, wie Simone Borowiak nach ihren Spaziergängen durch Barcelona schreibt, wird verzichtet.

Es behelligt somit nicht mit landeskundlichen Geheimtips, es vergnügt nur; und das tut es pur und ungefiltert: Frau Rettich, die Czerni und das Goldstück, die Erzählerin, sind Busenfreundinnen, wie sie verschiedener nicht sein können. Angelegentlich einer Liebe der Rettich zu einem Spanier in Madrid geht das Trio auf Reisen – und zwar in die Stadt der Olympischen Sommerspiele.

Die Erzählung ist mithin nichts als der skurrile Bericht eines Trips, wie er den meisten Menschen widerfährt und wie die wenigsten sich trauen, ihn auch so zu schildern. Die Geschichte ist der charmante, ja anmutige Katastrophen- und Liebesreport aus der Welt dreier Frauen, wie er komischer, liebenswürdiger nicht geschildert werden könnte.

Berichtet wird von einem Boutiquenbesuch in Barcelona („Da war eine fette Deutsche, die mußte unbedingt in ein kleines Schwarzes Größe 40! Man bedenke: 40! Ich wiederhole: 40! anprobieren“, schreibt die Ich-Erzählerin über ihr hybrides Ansinnen, einen flotten Fummel käuflich zu erwerben) und einem Gang durch eine Ausstellung („Andachtsvoll umschleichen die Gäste Picasso. Kopfschüttelnd stehen sie vor dem Frühwerk, kopfschüttelnd vor dem Alterswerk und ich kopfschüttelnd immer mittendrin. Ich verstehe nämlich gar nichts von Malerei“). Geurteilt wird über Frankreich, das als einzige Errungenschaft die Guillotine vorzuweisen habe, und ausgerufen am Ende des Trips der „Internationale Weltzotentag“, die Liebe zu Spanien sowieso.

Wahre Kennerschaft der modernen Sorte Mensch läßt Simone Borowiak in der Passage durchblicken, die einen Friseurbesuch beschreibt: Goldstück hat nämlich Segelohren. Und im Friseursalon, des Spanischen kaum mächtig, beginnt sie „ungelenk zu beten und findet zu Gott. Jesus liebt auch mich. Er muß. Er läßt nicht zu, daß man mich mit flittrigem, verschachteltem Bumskopf und anplissierter Stretchwelle aus dem Laden schickt. Dafür ist er nicht gestorben, der Mann aus Nazareth; nicht dafür, daß man mich im fremden Land zusammenonduliert und auf die Straße wirft.“