Er hat es auf die Torte abgesehen. Immer wieder kommt der Bergsteiger aus dem fernen Hannover in die Küche, merkt nicht, wie er an den Nerven sägt. „Verkaufen Sie mir doch die Hälfte ...“ umwirbt er die Wirtin und winkt penetrant mit der Geldbörse: „Ich bezahle gut.“ Als ob es für Geld alles zu kaufen gäbe. Der Deutsche will einfach nicht begreifen, obwohl ihm die Frau schon viermal erklärt hat, daß es sich um ein Geburtstagsgeschenk für die einjährige Tochter des Hauses handelt.

Das 2800 Meter hoch gelegene Heinrich-Schwaiger-Haus steht auf einem windgepeitschten Felssockel, umgeben von Abgründen und kirchturmhohen Gletscherabbrüchen, die an den Westflanken des 3564 Meter hohen Großen Wiesbachhorns kleben. Mit Getöse gebären sie so manche Eislawine, die dann fast tausend Höhenmeter hinunterstürzt zu den Stauseen der Tauernkraftwerke im österreichischen Kapruner Tal.

An die tausend Schutzhütten stehen im Alpenraum. Reich werden können deren Betreiber aber nur, wenn die Hütten verkehrsgünstig liegen, nicht zu weit vom Schuß und doch in schöner, unberührter Landschaft, wenn also tagsüber genügend Ausflügler, Talwanderer und Tagesgäste vorbeikommen. „Goidgruama“, auf gut deutsch „Goldgruben“, nennt der Volksmund diese Betriebe. Sie sind auch für Spaziergänger erreichbar, stehen meist in 1500 bis 2000 Meter Höhe, auf Almwiesen oder im Bergwald. Diese Hütten können, da der Proviant mit dem Auto oder mit der Seilbahn herangeschafft wird, von den Wirtsleuten vergleichsweise billig und zuverlässig versorgt werden.

Immer schwieriger wird es dagegen für jene, die im hochalpinen Gelände zwischen steilen Eis- und Felsflanken einen Stützpunkt zum Übernachten betreiben und auf die echten Alpinisten angewiesen sind. Der Gewinn wird durch die weiten und mühsamen Transportwege geschmälert. Vielerorts können Lebensmittel nur von einem Hubschrauber oder auf Lastenpferden herangeschafft werden. Es hängt auch vom Wetter ab, ob die Betreiber Gewinn machen.

Während eine tiefer gelegene Hütte selbst bei Schlechtwetter von Urlaubern und Tagesgästen aufgesucht wird, breitet sich weiter oben schnell Leere aus. Und das mitunter über Wochen, wenn ein Atlantiktief die sommerliche Gletscherwelt mit Schneeflocken und Nebelsuppe heimsucht.

Die meisten Hüttenwirte und ihre Familien sind Einzelkämpfer. Mehrere Gehstunden voneinander entfernt, verbindet sie ausschließlich das Funksprechgerät der Bergrettung, wenn es darum geht, vermißte Alpinisten ausfindig zu machen. Die Sicherung der Routen und Wege wird von der Freizeitindustrie nicht vergütet.

Die Anforderungen steigen, denn die Zeiten sind vorbei, als Älpenvereine und Hüttenwirte sich billig und manchmal auch skrupellos ihrer Abfälle entledigen konnten. Damals wurde der Müll mitsamt aller Gefahrenstoffe gelegentlich vergraben. Andere nutzten Bachgräben, Gletschermoränen und Felsrinnen als wilde Deponien, die dann erbärmlich zum Himmel stanken.