Fast über Nacht waren die Eisberge da. Bläulichweiße Giganten, die an der Hafeneinfahrt von St. John’s vorbeitreiben. "Die größte Parade der Welt", pflegen die Neufundländer zu sagen. Wenn die gefrorenen Riesen auftauchen, hat der Sommer begonnen. Die Menschen freuen sich, denn dann regnet es etwas weniger kalt. Voriges Jahr gab es einmal drei Tage Sonnenschein in Serie. Das nannte sich Hochsommer.

Fast über Nacht waren auch die Möwen da. Hungrig fallen sie über Mülleimer her, hacken Plastiktüten auf, spähen gierig nach eßbaren Abfällen. Beweisen können die Meeresbiologen der Memorial-Universität in St. John’s noch nichts. Doch die Fischer haben eine einleuchtende Erklärung für diese neue Vogelplage: Die Möwen finden im Meer immer weniger zu fressen – wie die Fischer selber immer weniger zu fischen finden. Die Neufundlandbänke, bis vor kurzem die reichsten Fischgründe der Erde, eines der wichtigsten Nahrungsmittelreservoirs der Welt, sind beinahe leergefischt, tot. "Nein, wir stecken nicht in einer Krise", meint ein Fischer: "Was wir hier erleben, ist eine Katastrophe."

Als der Genueser Seefahrer Giovanni Caboto 1497 die neufundländische Küste entdeckte, kannte seine Begeisterung keine Grenzen: "Man taucht nur einen Korb ins Meer und zieht ihn randvoll mit Fischen wieder raus." Flugs wurde darauf die rauhe Insel im Nordatlantik besiedelt. Viele hundert kleine Fischersiedlungen entstanden, die sogenannten outports. Klingende Namen wie Rose Blanche, Bona Vista, Rencontre, Belle Bay, Quidi Vidi oder Blow me Down (Blas mich über den Haufen) täuschen über die herbe Tristesse manches dieser bescheidenen Orte hinweg. Eine Stadt für die townies, St. John’s, wurde gebaut. New York war damals noch ein Sumpf.

1901, als Guglielmo Marconi auf dem heutigen Signalhügel bei St. John’s, dort, wo die Morgendämmerung Nordamerika erreicht, die ersten transatlantischen Funksprüche aus Europa empfing, etablierte er Neufundland auch als Etappenort zwischen dem alten und dem neuen Kontinent. Später entwickelte sich der Flughafen Gander zum Drehkreuz im Nordatlantikverkehr. Hier mußten alle Atlantikflieger aufranken, hier wurden die Maschinen gewartet und repariert, hier schlenderte Prominenz wie Charles Lindbergh die Hauptstraße entlang. Ein Hauch von Welt in der steifen Brise der Einöde.

Die Fischerei und der Flughafen brachten Geld, zeitweise viel Geld auf "den Felsen", wie die "Newfies" ihre Heimat nennen. "Das Land, das Gott Kain gab", unkten freilich auch damals schon einige, der Tatsache gewahr, daß ihre Insel außer den beiden Haupteinnahmequellen wenig Einträgliches zu bieten hat. Come by Chance ("Komm mal vorbei") heißt eine Ölraffinerie, ein erster, zaghafter Versuch, die wirtschaftliche Basis zu verbreitern. Sie blieb ein kommerzieller Flop. Und Grow by Chance ("Wachs durch Zufall") nennen die Bewohner heute spöttisch ein gescheitertes Gurkenzuchtprojekt, das die mangelnde Eignung des nebligen, steinigen Eilandes für die Landwirtschaft bewies. "Unsere Äcker liegen eben auf den Meeren", sagen die Fischer.

Gleichwohl wollen die Neufundländer ihre Insel nicht nur als Flugzeugträger oder als granitenen Fischdampfer im Atlantik sehen. Sie ist ihnen Vaterland. Und sie selbst sind ein Volk. Tradition, Lebensart und die schnelle, dem schottischen oder irischen Englisch nahe Sprache trennen sie vom übrigen Kanada. Erst 1949 entschlossen sie sich – und nur mit hauchdünner Mehrheit – aus dem britischen Kolonialreich in den kanadischen Bundesstaat überzuwechseln. Noch Jahre danach rissen viele Neufundländer die Nationalhymne "O Canada" aus ihren Liederbüchern.

Ob bei "Nautical Nelly", bei "Trapper John" oder in einer der anderen Seemannskneipen an St. John’s George Street: Überall werden, mit viel Gefiedel untermalt, heimwehschwangere Lieder gesungen. "Laß mich fischen beim Kap St. Mary’s", tönt es kräftig, aber falsch aus Männerkehlen aus der einen Stube, "Jack war von Kopf bis Fuß ein Seemann", schmachtet eine Frauenstimme von gegenüber. Das Motto "In God we stimme das auf jeder amerikanischen Banknote steht, haben die Neufundländer für sich leicht abgewandelt: "In Cod we Trust". Cod heißt Kabeljau. Und der Kabeljau ist hier König. Die Pfarrer beten für ihn. Vater, gib uns unseren täglichen Fisch. Denn Dein ist das Meer und die Herrlichkeit in Ewigkeit...