Von Klaus-Peter Schmid

Kaum zu glauben, aber wahr: Es gab Zeiten, da wollte keine europäische Metropole Hauptstadt Europas werden. In den fünfziger Jahren, als ein Sitz für die Behörden der Montanunion gesucht wurde, lehnte das belgische Parlament den Vorschlag ab, sich auf Brüssel zu verständigen. Luxemburg sprang ein – aber nur provisorisch. Angeblich war der Bischof gegen den zu erwartenden Zuzug von Protestanten in sein katholisches Land, und die Großherzogin warnte vor Größenwahn.

Als dann Euratom und EWG entstanden, waren die Belgier kluger geworden und trugen selber die Kandidatur von Brüssel vor. Der Vorschlag wurde 1958 von den damals fünf Partnerländern angenommen – aber nur provisorisch. Sie müssen geahnt haben, daß ein Schwebezustand Gelegenheit zu so manchem Kuhhandel bieten würde. Jedenfalls kämpft Brüssel seit über dreißig Jahren darum, endgültig den Zuschlag zu bekommen.

Allerdings: Ganz klar ist auch nicht, ob die Brüsseler das wirklich wollen. Da zog zum Beispiel vor ein paar Wochen das "Komitee Stop-Euro-Brussel" gegen die Invasion ihrer Stadt durch die Berufseuropäer zu Felde. Das Argument der Protestanten: Die neue Form des Kolonialismus zwinge "die Einheimischen, eine andere als ihre Muttersprache zu benutzen, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen". Hinter der Aktion stecken militante Flamen, die sich daran stören, daß ihr Idiom, nämlich das Niederländische, in Brüssel immer mehr vom Französischen verdrängt wird. Europa hat damit nur begrenzt zu tun, aber es ist als Buhmann willkommen.

Auch besonnene Bürger sind indes nicht unbedingt stolz darauf, in einer stark europäisierten Stadt zu leben. Sie schimpfen, die Eurokraten mit ihren hohen Einkommen trieben die Mieten in die Höhe, machten den Besuch im Restaurant unerschwinglich und sorgten für eine fatale Verkehrsdichte. Tatsächlich sind viele der "Ureinwohner" in die Randgemeinden Brüssels abgewandert, um da günstiger und angenehmer zu leben. Daß Brüssel definitiv zur Hauptstadt Europas werden könnte, sehen die Brüsseler also mit durchaus gemischten Gefühlen.

Den Zweiflern redete jetzt Jos Chabert, Minister für Auswärtige Angelegenheiten der Region Brüssel, ins Gewissen. "Prestige, Wohlstand, Wachstum und Arbeitsplätze" habe die Installierung der europäischen Behörden der Stadt beschert. Die Zahlen, die der Minister vorlegte, zeigen vor allem eines: Brüssel ist schon heute euro-abhängig. Ohne die Präsenz der europäischen Institutionen wäre das Sozialprodukt der Region um über ein Zehntel niedriger, 46 000 Personen müßten sich einen neuen Job suchen, zehn Prozent des gesamten Büroraums würden überflüssig.

Sekundärwirkungen, die durch die Präsenz der EG ausgelöst werden, sind dabei noch gar nicht berücksichtigt. Die Europäische Gemeinschaft mit ihren annähernd 15 000 Beamten bildet nur den Kern des Wirtschaftsfaktors Europa für Brüssel. Dazu kommen Diplomaten, Europa-Parlamentarier, Lobbyisten, Konzernmanager, die alle der EG wegen in Belgiens Hauptstadt weilen. Und die ist außerdem mit 581 akkreditierten Journalisten gleich hinter Washington zum zweitgrößten internationalen Pressezentrum der Welt avanciert. Wie international Brüssel geworden ist, zeigt schließlich die Tatsache, daß es nach London und Paris den dritten Rang unter den europäischen Kongreßstädten erkämpft hat.