Es scheint, als habe an der deutschen Börse bereits eine ausgedehnte Sommerpause begonnen. Weder das EG-Referendum der Iren noch die mit Spannung erwarteten Fälligkeitstermine an der Terminbörse am vergangenen Freitag brachten Bewegung in den Aktienmarkt. Auch daß der Deutsche Aktienindex Dax zum Wochenbeginn die charttechnisch „harte“ Marke von 1772 Punkten unterbot, berührte niemanden. Zu klein waren die Umsätze. „Ätzend“ sei das Geschäft, stöhnte ein Händler. Er beruhigte sich mit der Feststellung, die deutsche Börse halte sich im internationalen Vergleich recht gut.

Die Unruhe, die vom Börsenplatz Tokio ausgeht, hat der hiesige Markt bislang ignoriert. Selbst als der Nikkei-Index unter die Marke von 16 000 am Wochenanfang rutschte, schauten die deutschen Händler weg. Dabei sind die wirtschaftlichen Folgen der japanischen Baisseperiode noch längst nicht absehbar. Schon jetzt erfüllt nach einer Übersicht der Nikkei Financial Daily die international tätige Sankura Bank nicht mehr die Eigenkapitalrichtlinien der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich. Sinkt der Nikkei auf 15 072 Punkte, sind auch die stillen Reserven der Bank of Tokyo aufgezehrt. Stille Reserven zählen bei japanischen Banken in bestimmtem Ausmaß zum haftenden Eigenkapital. Droht in Japan also eine Bankenkrise? Die Berater großer deutscher Bankhäuser werden immer häufiger mit dieser Frage konfrontiert.

Derweilen lautet die Tendenz an den deutschen Börsen beinahe täglich „knapp behauptet“. Die Optimisten sehen bald den Boden für einen neuen Aufwärtstrend gekommen. Sie raten zum Einstieg bei den doch leicht gedrückten Kursen, vor allem in Papiere, die auch Ausländer bevorzugen könnten. Doch viele Händler denken ganz praktisch: „Keiner kauft Aktien, wenn am Geldmarkt neun Prozent zu bekommen sind.“ Außerdem scheint die Kapitalflucht ins Ausland anzuhalten, solange über den Zinsabschlag nicht entschieden ist. Hinzu kommen Befürchtungen, die Investmentfonds gingen bald aus dem Aktienmarkt, sicherten sich den ansehnlichen Kursgewinn von zehn Prozent im ersten Halbjahr und versuchten, in den nächsten sechs Monaten leichter und risikoloser mit Termingeld zu verdienen. Die hohen Zinsen, das versichert die Bundesbank, werden bleiben. Und die sind Gift für den Aktienmarkt.

mib