Von Rainer Schauer

Allah segne die Sonne, den weiten, weißen Sandstrand und das ewig blaue Meer, Und die Touristen, die wegen dieser Geschenke des Himmels und der Erde ihr Geld, aber auch ihre Sehnsüchte, Träume und Illusionen nach Içmeler tragen.

Içmeler ist ein armes und deswegen schönes Dorf an der Südwestküste der Türkei, fünf Kilometer von Marmaris entfernt. In Içmeler dankt Ömer seinem Gott, daß die reichen Urlauber in sein bescheidenes Kaffeehaus einkehren. Ach was, Kaffeehaus. Es ist nur ein weiß gestrichener, kahler Raum mit Steinfußboden und ein paar Dutzend wackeliger Stühle an einem Dutzend wackeliger Tische. Sie stehen auch unter dem Laubdach, das der wilde Wein über die Veranda des Hauses gezogen hat. Hier, im Halbschatten, wo die Sonne flirrende Gespinste auf den Boden zeichnet, sitzen die Touristen am liebsten. Sie schauen auf staubige Straßen, die von Bruchsteinmauern gesäumt sind und auf denen Mädchen Kühe in den heimischen Stall treiben; sie sehen alte Frauen in Pluderhosen und weiße Häuser, an die sich üppige Geranien-, Rosen- und Malvenbüsche lehnen. Und über den Häusern und Blumen schießt das Minarett der Moschee wie ein Pfeil in den Himmel. Die schöne Armut von Içmeler bringt einen bescheidenen Wohlstand in das Haus von Ömer, weil eine Busladung von Touristen in einer Stunde mehr verzehrt als die einheimischen Gäste in einem Monat. Ömer hat sich noch nie gefragt, warum die Deutschen und die anderen Urlauber aus den teuren und weniger teuren Hotels in Marmaris ausbrechen. Wie sollte er verstehen, daß die Armut, deren er sich schämt, für die Touristen Ursprünglichkeit bedeutet?

Die finden die Urlauber in Marmaris nicht mehr. In nur einem Jahrzehnt entstand entlang des schier endlosen Sandstrandes und beiderseits einer vierspurigen Uferstraße eine künstliche Urlaubersiedlung wie aus einem Abschreckungskatalog der Tourismuskritiker. Hotelblock reiht sich an Hotelblock, architektonisch anspruchslos gestaltete Waben für Massenmenschhaltung, schnell und in billiger Skelettbauweise hochgezogen, wobei immer der Grundsatz der Investoren Vorrang hatte: mit einem Minimum an Kapital ein Maximum an Betten- und Zimmerkapazität erreichen. Ausnahmen wie das neue, im osmanischen Stil erbaute Hotel "Yazici" am südlichen Sandstrand von Marmaris bestätigen nur die Regel. Es entstanden Flanier-, Einkaufs- und Vergnügungsviertel – gigantische Basare für Talmi und Tand.

Marmaris, das türkische Benidorm, steht aber nur stellvertretend für andere Städte und Dörfer an der türkischen Südwest- und Südküste, die wie der einstige Fischerort die gleiche Entwicklung genommen haben: Wo der Tourismus unkontrolliert einzog, lösten sich die sozialen Strukturen auf, verschwand die traditionelle Bauweise, wurde die Identität der Kommunen zerstört. Bodrum zum Beispiel, dessen immer noch schöne Altstadt rund um die Kreuzritterburg am Hafen in einem unendlich scheinenden Meer von gleichförmig gestylten weißen Kuben ertrinkt. Es sind monotone Feriensiedlungen, die sich endlos an den Hängen und zu Füßen des Küstengebirges ausbreiten und nun beginnen, auch dessen Gipfel zu erobern.

Oder Alanya: Fünf Kilometer-lang ziehen sich die erst jüngst fertiggestellten Hotelkästen eng aneinander gebaut ostwärts der Altstadt am Strand entlang. Dann eine Baulücke nach der Stadtgrenze. Am Strand des Dorfes Mahmutlar setzt sich die viergeschossige, kilometerlange Betonmauer der Hotelneubauten fort, zwischen denen sich das "Green Peace Hotel" mit dem grünen Ahornblatt als Markenzeichen befremdlich ausnimmt. "Wohnungen zu verkaufen" steht in deutscher Sprache auf meterlangen Spruchbändern. Hier ist der spekulative Gewinn zu Hause. Wie überall, wo an den türkischen Mittelmeerküsten die Urlaubsgettos entstehen. Beispiel Fethiye. Beispiel Side. Beispiel Kemer und Beldibi, wo auch mit einem 26-Millionen-Dollar-Kredit der Weltbank auf einer Strandlänge von etwa siebzig Kilometern Betonburgen wie zum Beispiel das "Sultan Saray", das von Ramada gemanagte "Ramada Renaissance" oder das "Yatakli Otel" entstanden sind.

Es ist abzusehen, daß in nicht allzu ferner Zukunft auch die letzten freien Strände an der türkischen Küste zwischen Kujadasi im Norden und Alanya im Süden verbaut sein werden. Und mehr.