Von Peter Körte

Wie kommen wir zu den Büchern, wenn die Bücher nicht zu uns kommen? Durch Bestsellerlisten, Mundpropaganda, Rezensionen, klar. Manchmal aber gehen wir auch auf Reisen. Wir betreten eine Bahnhofsbuchhandlung und mustern die Ware in den Drehständern: eine Farbe wie Heidelbeerquark (mit wenig Heidelbeeren), eine Frau in raffinierten Dessous, von rauchigem Licht umhüllt. „Ein sauberer Schnitt“ steht auf dem Buchrücken. Daneben: „Heute ist ein guter Tag zum Sterben“, illustriert mit einer verschlissenen Krimi-Pose. Ein Mann mit Zigarette, der die Lamellen einer Jalousie auseinanderdrückt, so lieblos und beliebig wie die coole Schöne. Und weil wir gelernt haben, daß im Kapitalismus der Inhalt nichts, die Verpackung dagegen alles ist, lassen wir die Bücher im Ständer weiter Staub ansetzen. Mitunter aber ist das ein Fehler, und deshalb greifen wir uns rasch noch einen Band in dunklem Blau. Madison Smartt Bell, „Jahr des Schweigens“ steht auf dem Cover. Die Abbildung zeigt eine lichterglitzernde Brücke, hinter der wir unschwer die Skyline von New York identifizieren.

Von Manhattan nach Brooklyn und zurück führen bei Bell alle Wege über die Williamsburg Bridge. In jedem seiner Bücher kommt sie vor, wie ein ruhender Pol, gleichgültig gegen die Autos und Züge, die täglich über sie donnern, gleichgültig gegen die Menschen, unberührt von den Dramen, die sich auf ihr zutragen. In seinem Roman „Ein sauberer Schnitt“ ist sie der Ort des Showdowns. In seinem Debüt „Warten auf das Ende der Welt“ überquert sie der Protagonist bei seinen ruhelosen Streifzügen zwischen seiner Wohnung und dem Times Square im Herzen Manhattans. Eine von Bells Erzählungen ist ihr ausdrücklich gewidmet: „Die vergessene Brücke“.

Das „Jahr des Schweigens“ beginnt auf der Williamsburg Bridge. Weber, der Lehrer, klettert ein Jahr nach dem Selbstmord seiner Freundin Marian auf einen Brückenpfeiler, als wolle er sich in den East River stürzen. Ein Lebensmüder, der jedoch nicht vorhat zu springen.

Der Roman gleicht einem Zyklus von Erzählungen. Jede könnte für sich stehen. Und doch beziehen sie sich aufeinander, bilden ein Netz von Querverbindungen durch Raum und Zeit. Das Buch umfaßt elf Kapitel, und genau in der Mitte schildert es, wie Webers Freundin immer tiefer in die Drogenabhängigkeit hineingerät, wie ihre Wohnung verkommt, wie sie erst aus der Welt und dann aus dem Leben verschwindet. Um diesen Kristallisationspunkt entsteht ein Puzzle aus verschiedenen Figurenperspektiven und Stimmen, das nur scheinbar komplett ist, wenn alle Steine aufgebraucht sind. „Jahr des Schweigens“ ist Beils bestes Buch, nicht zuletzt, weil er darin die definitive Form für seinen Stoff findet.

Madison Smartt Bell hat bisher fünf Romane und einen Band mit Erzählungen veröffentlicht. Er ist 34 Jahre alt, wuchs auf einer Farm in Tennessee auf und studierte unter anderem in Princeton. Während des Studiums arbeitete er als Toningenieur für einen italienischen Dokumentarfilm über Drogensüchtige in den USA. Diese Erfahrung teilt er mit dem Cutter Tracy Bateman, dem Ich-Erzähler aus dem „Sauberen Schnitt“. Bell selbst zog in düstere, slumähnliche Quartiere in Hoboken und Brooklyn und schlug sich mit Gelegenheitsarbeiten durch – wie viele seiner Figuren (die freilich nicht nebenbei noch ihren ersten Roman schreiben).

In Sujets und Erzählrhythmus sind Bells Bücher faszinierende Großstadtprosa. Mit dem Neonstyle mancher Kollegen hat sie jedoch nichts zu schaffen. Bell ist seinem Schauplatz New York City in tiefer Haßliebe verbunden: ein Ort wie eine gewaltige Müllhalde, sterbend und glänzend zugleich, verrottet und gefährlich, kalt und ätzend. In den heruntergekommenen Wohnungen fallen die Kakerlaken aus dem Telephonhörer – „wie kleine Fallschirmspringer aus der Luke ihres Flugzeugs“. Ein Messer mit sich zu führen oder eine Kampfsportart zu beherrschen ist hilfreich. Beils Figuren bewegen sich in diesem Ambiente wie auf einer schiefen Ebene. Ungewiß ist zumeist, ob sie sich festkrallen und weitermachen in ihrem halbwegs normalen Leben oder ob sie endgültig abrutschen in Drogen, Obdachlosigkeit und Verrücktheit.