Wenn stimmt, daß ein Film die Wahrheit über ein Buch ans Licht bringt, dann ist „Bronsteins Kinder“ das Ende des gleichnamigen Romans. Der Film ist kein Film, sondern die Erörterung der Fragen: Sind alle Juden Juden? Ist auch ein Jude, der nie verfolgt wurde, ein Jude? Sind die Söhne der Opfer auch Opfer? Dürfen Opfer sich rächen? Die Antwort, um es gleich zu sagen, wird von der Klaviermusik davongetragen.

„Bronsteins Kinder“ war ein erfolgreicher Roman von Jurek Becker, der 1986 erschien und sich der genannten Fragen mit gezielter Langmut annahm. Er erzählt die Geschichte von Vater Arno und Sohn Hans. Der Vater, ein ehemaliger KZ-Häftling, hält im Gartenhäuschen vor der Stadt einen ehemaligen KZ-Aufseher gefangen. Der Sohn will den Vater vor solch unzeitgemäßem Irrsinn bewahren und befreit den gefesselten Gefangenen – zu spät: Der Vater ist vor der Ankunft des Sohnes neben dem ehemaligen Täter tot zusammengebrochen. Ein ewiges Opfer.

Der Film von Jerzy Kawalerowicz macht aus der unaufdringlichen Erörterungsprosa Beckers einen schwitzenden Lichtbildervortrag. Vater Arno (Armin Mueller-Stahl) führt mit seinen jüdischen Freunden in der Ostberliner Laube den symbolischen Endkampf gegen den ans Bett gefesselten Dicksack Heppner (Rolf Hoppe). Der Dicke ist ein sympathisches armes Schwein, hilflos und schwach; Vater Arno ein humorloser Melancholiker, scharfsinnig und vertrottelt; Sohn Hans (Matthias Paul) ein netter Junge, geradeaus und herzensgut. Hans verachtet den Dicken und versteht die Rache der Alten nicht. Zwischen den alten jüdischen Trotteln und dem Alt-Nazi steht er einsam in seinen Niethosen in der Ostberliner Küche. Nur bei seiner irrsinnigen Schwester (Angela Winkler), deren wehende Wickelröcke die Poesie verbreiten sollen, die dem Roman und dem Film sonst fehlt, fühlt er sich wohl.

Scharf stellt der junge Eisenhans seinen Vater zur Rede, führt harte Debatten und zerknirschte Monologe, bis er am Ende, auf dem ästhetischen Triefpunkt des Films, unter Tränen neben seinem toten Vater die Ketten des KZ-Aufsehers zersägt. Eine plumpe Parabel, die jeden Augenblick und jeden Menschen zum Beweisstück degradiert und in der die Schnitte den moralischen Mehrwert jeder Szene mit der Peitsche herausschlagen. „Bronsteins Kinder“ ist ein treffliches Fernsehspiel fürs Zweite Programm, übersichtlich, aufgeklärt, problemorientiert und kunstlos. Der Zerrspiegel eines berühmten Romans, der darin sein wahres Gesicht verrät.