Als die „Stadt der langen Studienzeiten“ ist Berlin in den letzten Wochen in die Schlagzeilen der Tagespresse geraten. Im Vergleich schneidet die Freie Universität bei 31 und die Technische Universität bei 23 Studiengängen mit überlanger Dauer schlechter ab als die anderen Hochschulen, ergab eine Studie des Wissenschaftsrats für das Jahr 1989. Der Berliner Wissenschaftssenator Manfred Erhardt ist nun entschlossen, die Mißstände an den Westberliner Hochschulen, die zu den langen Studienzeiten führen, vom Wissenschaftsrat klären zu lassen. Ein Wildwuchs ganz besonderer Art, der im Schatten der bundesdeutschen Hochschuldiskussion gedeiht, bleibt dabei bislang völlig unbeachtet: das Geschäft mit Referaten, Hausarbeiten und Examina.

Spätestens seitdem der ehemalige Ghostwriter Achim Schwarze aus dem Federtäschchen seines Berufszweiges geplaudert hat („Dünnbrettbohrer in Bonn – Aus den Dissertationen unserer Elite“, Eichborn-Verlag), ist diese besondere Art, einen Doktortitel zu erwerben, ein offenes Geheimnis. Mittlerweile hat sich der Schwarzmarkt der Möglichkeiten noch erweitert. Zahlungskräftige Studierende können sich vom Referat bis zur Staatsexamensarbeit alles schreiben lassen, was ihr Herz und Hirn begehrt.

In einem Wohnhaus in Berlin-Steglitz residiert ein Schreibbüro, das diesem prosperierenden Geschäftszweig nachgeht. Aufgeregt und beladen mit Literatur und Notizen, sucht Regine Maaß*, Studentin der Betriebswirtschaft, dort ihren Retterin Not. Gestern noch saß sie um zwei Uhr nachts an ihrem Schreibtisch, neben ihr der volle Aschenbecher, die Kaffeetasse voller Ränder, Berge von Büchern vor sich, zerknülltes Papier neben sich und sie mit vom Frust zerfurchtem Gesicht. Dann hatte sie die Anzeige gelesen: „Wissenschaftliche Dienste: Schreibarbeiten, Formulierungshilfen, Textentwürfe, Korrekturlesen, auch Wochenendservice“. Das war genau das, was ihr fehlte, richtige Formulierungen, Zeit und Nerven, um die letzte Hürde zu nehmen. In drei Monaten sollte sie die Diplomarbeit im Prüfungsamt abgeben, und auf dem Papier herrschte noch gähnende Leere. Unzählige Promovierende, Diplomanden, Staatsexamenskandidaten und andere wissenschaftlich Arbeitende haben sich bei ihm schon Hilfe geholt, erfährt sie vom Inhaber des Büros. Das Tippen der Arbeiten gehört ebenso zu seinem alltäglichen Geschäft wie die Literatursuche in Datenbanken. Besonderes Steckenpferd von ihm sind Text- und Layoutentwürfe, in der Not spielt er auch mal „Feuerwehr“. Nachdem er die nötigen Informationen abgefragt hat – Grundbedingung beim Ghostwriting ist, daß der Prüfer seine Examenskandidaten kaum betreut –, nennt er seinen Preis. Für 8000 Mark kann Regine Maaß ab sofort nachts wieder ruhig schlafen, und ihr Freundeskreis wird erleichtert erfahren, daß ihre temporären Verzweiflungsausbrüche ein Ende gefunden haben.

Die Klientel dieser Büros kommt vorwiegend aus den geisteswissenschaftlichen Disziplinen. Ab und zu befindet sich auch mal ein Mediziner oder Wirtschaftler darunter. Nele Pintelon, die ein Büro für Literaturrecherche, Übersetzungen und wissenschaftliche Beratung betreibt, kommt zu dem Schluß: „Die heutigen Studenten lernen offensichtlich nicht mehr, strukturiert vorzugehen und zu denken. Im Semester können sie sich noch durchmogeln, bei den Abschlußprüfungen sind sie mit ihrem Latein aber schnell am Ende.“ Individuelle psychische Probleme, Prüfungsangst, aber auch simple Faulheit mögen manchen zu dem illegalen Schritt veranlassen. Früher legte der betreffende zukünftige Lehrer oder Politologe noch selbst Hand an und mischte aus verschiedenen Arbeiten zu seinem Thema einfach eine neue zusammen. Die Formel dafür lautete: „Aus drei mach vier.“ Inzwischen wird die Sache geistigen Fremdarbeitern überlassen. 8000 bis 10 000 Mark kostet eine Diplomarbeit auf dem Schwarzmarkt, für eine Dissertation muß schon das Fünffache investiert werden. Ein Referat, das für den erfolgreichen Besuch einer Lehrveranstaltung abgegeben werden muß, ist je nach Seitenzahl für 500 bis 1000 Mark zu haben.

Ist die Arbeit erst abgegeben, interessiert sie kaum noch jemanden. Rainer Schulte*, Mitarbeiter einer Berliner Einrichtung für Lehrerfortbildung, beschreibt das Problem: „Eine Diplomarbeit ist doch nur noch eine Formalie, eine Sportübung für den Studierenden, die der Professor nicht mehr liest. Das überläßt er seinen Leseknechten – den wissenschaftlichen Assistenten.“ Ein Wissenschaftler verdient sich seine Lorbeeren in der Forschung, nicht in der Lehre. Das Desinteresse der Professoren an ihren Seminarteilnehmern hat dazu beigetragen, daß der akademische Schwarzmarkt vor etwa zehn Jahren zu blühen angefangen hat. Die schlechte Koordination der Fächer in den einzelnen Studiengängen verstärkt die Malaise noch. Manches geisteswissenschaftliche Studium verzichtet zum Leidwesen der – noch – Lernwilligen auf eine ausgefeilte Ordnung. Die hochgerühmte Freiheit der Studenten, deren eigene Verantwortung für das Studium von den Hochschulreformen! Ende der sechziger Jahre eigens betont wurde, verkehrt sich mittlerweile in ihr Gegenteil. „Die Freiheit im Studium führt irgendwann zu einer großen Verunsicherung, die entweder eine hohe Abbruchrate oder den Gang zum Schwarzmarkt zur Folge hat“, erklärt stellvertretend für viele Germanistikstudenten Stefan Hentschel*. Die Lust am Bücherlesen hat auch er verloren und verdient seine Brötchen inzwischen anderweitig. Das Fazit der Entwicklung: Entweder erkennt der Student, wie die Strukturen laufen, und schlägt sich mit großer Selbstdisziplin durchs Studium, oder er versinkt in der Masse der Studienangebote und steigt irgendwann aus.

Wenn er seine Arbeit abgibt, versichert der Prüfling an Eidesstatt, daß es sich um seine geistige Eigenleistung handelt, die er ohne fremde Hilfe angefertigt hat. Theoretisch ist das Geschäft mit dem Examen gefährlich. Kommt der Ghostwriter noch mit Beihilfe zum Betrug davon, wird dem Diplompädagogen oder Dr. phil. nicht nur der Titel aberkannt. Nach Paragraph 123 a des Strafgesetzbuches kann er auch mit Gefängnis oder mit einer Geldbuße bestraft werden. In der Praxis sind den Universitäten jedoch bei der Überprüfung von Abschlußarbeiten mehrfach die Hände gebunden. „Die Verwaltung hat überhaupt nicht die fachliche Kompetenz, um Kontrollen durchzuführen“, resümiert Peter Stahl von der Rechtsabteilung der Technischen Universität Berlin. Ihm sind in seinen sechseinhalb Jahren Tätigkeit dort auch Fälle von Ghostwriting noch nicht bekanntgeworden. „Und in den technisch-naturwissenschaftlichen Fächern ist durch die enge Zusammenarbeit von Assistenten und Studenten ein Betrug gar nicht möglich.“ Juristen oder Geisteswissenschaftler kommen als Täter schon eher in Betracht, weil sie am Schreibtisch forschen. Ganz pfiffig handhabte ein angehender Politologe aus Hamburg sein Examensproblem: Er kopierte sich eine Abschlußarbeit, die in München angefertigt worden war, wollte sie in Berlin umschreiben lassen und in Hamburg abgeben. Keiner Universität stünde es gut an zuzugeben, daß sie von solchen Methoden weiß. Offiziell werden Professoren, die ihren Verpflichtungen nicht nachkommen, immer noch als rufschädigend angesehen.

Nicht nur in Berlin, sondern auch in anderen großen Universitätsstädten wie Frankfurt, München oder Hamburg ist diese illegale Praxis alltäglich. In einer großen Wochenendzeitung, die überregional erscheint, lassen sich unter „Verschiedenes“ Anzeigen finden, die sich im Dunstkreis der „helfenden Tätigkeiten“ bewegen. Wenn sie den akademischen Schwarzmarkt überflüssig machen wollen, müssen sich die Universitäten etwas einfallen lassen, zum Beispiel die Einrichtung von regelmäßigen Seminaren für Abschlußkandidaten, wie es sie bereits für Doktoranden gibt Auch die intensivere Präsenz der Professoren in ihren Fachbereichen würde heilsame Wirkungen zeigen. Ob die geplante Evaluierung, die Hochschulüberprüfung der Westberliner Universitäten, diesen Prozeß in Gang bringt, bleibt abzuwarten.

Die Namen der Betreffenden wurden geändert und sind der Autorin bekannt