Evgen Bavčar ist blind und photographiert die ihm unsichtbare Welt. Zum Beispiel einen Panzer in Slowenien. Der Hintergrund bleibt dunkel, nur einzelne Teile des Kriegsobjekts treten hervor. "Slovenija where is it?" ist auf einem der Panzer-Photos zu lesen; auf einem anderen legen sich Schwalben über das aus verschiedenen Perspektiven und Entfernungen aufgenommene martialische Objekt.

Als er sich eines Nachts zu dem in einem Wald verborgenen Panzer habe führen lassen, habe er auch die Angst überwinden wollen – "weil ich ein Kriegsinvalide bin", berichtet der 1946 in Slowenien geborene und seit Jahren in Paris lebende Photograph, Autor und Doktor der Philosophie, der mit elf Jahren sein Augenlicht verloren hat: Beim Spielen war ihm ein Zweig ins rechte Auge geschlagen, einige Monate später zerstörte ein explodierender Minenzünder das linke Auge.

Als Kind, erinnert sich Bavčar, habe er noch die Panzer aus dem Zweiten Weltkrieg gesehen, doch als er jetzt zum ersten Mal einen Panzer berührt habe, sei das für ihn ein ungeheuer starker Eindruck gewesen – "das war so kalt, so grauslich, so kühl, ein Symbol des Todes". In diesem Moment habe er sich gewünscht, die weichen Haare eines schönen Mädchens berühren zu können.

Seine Photographie bezeichnete Evgen Bavčar einmal als ein Suchen nach Licht. Nachzuvollziehen ist seine Suche jetzt gleich in zwei Ausstellungen: Mit mehr als einhundert Arbeiten präsentiert die Städtische Galerie Schloß Wolfsburg die bisher umfassendste Einzelausstellung des blinden Künstlers in Deutschland (bis 5. Juli), und in Düsseldorf zeigt das Institut Français noch bis zum 15. Juli eine sehr schöne Auswahl neuerer Aufnahmen. Einblicke in die Welt Bavčars gibt schließlich auch noch ein eben erschienenes Buch des Schriftstellers Walter Aue, der schon im vergangenen Jahr zusammen mit Bavčar den Band "Jahre des Lichts" veröffentlicht hatte und nun in der Berliner Edition West/End unter dem Titel "Der blinde Spiegel" eine weitere Arbeit zum Werk des Photographen publiziert und darin die "Wahrnehmung des Unsichtbaren" untersucht.

Evgen Bavčars Bilder sind Spuren der Erinnerung und der Annäherung. Mit seiner Kamera nähert er sich der Welt, die er ertastet, berührt, neu zusammensetzt aus seiner "inneren Bildergalerie".

Neben den sehr direkten Portraits gibt es bei Bavčar immer wieder auch Überlagerungen der Bilder, Mehrfachbelichtungen, die auf verschiedene Realitätsebenen weisen, höchst kunstvoll mit. Licht und Schatten umgehen, Wort und Bild miteinander kombinieren. Auf dem nackten Oberschenkel einer von Bavčar photographierten Frau steht das Wort Sehnsucht, und aus der Dunkelheit des Raumes läßt der Blinde immer wieder das von ihm gesuchte Licht hervorkommen – unter anderem in Form der Schwalben, die auf vielen seiner Photographien auftauchen und die er in einem Text als "Schönheitsmale eines entschwundenen Himmels" beschreibt. "Diese kleinen Vögel... Unter den verstreuten Resten meiner längst vergangenen Kindheit sind sie es, die ich am meisten vermisse. Ich suche sie oft in den entvölkerten Bahnhöfen meiner Gegenwart und finde sie selten." Raimund Hoghe