Der 17. Juni ist kein Feiertag mehr. Aber so ganz ohne Feierlichkeiten sollte die 97. Sitzung des Deutschen Bundestags dennoch nicht vorübergehen. Es gab also eine Erklärung der Bundestagspräsidentin zum Gedenken an den 17. Juni 1953 und eine Rede des Kanzlers über unsere Verantwortung in der Welt. Sonst war alles wie gehabt: ein Parlamentsalltag mit ganz normalem Parteienkampf, mit gespielter Leidenschaft und langweiligen Zwischenrufen – keine Sternstunden.

Was haftenbleibt, sind ein neues deutsches Mammutwort („Erstes SED-Unrechtsbereinigungsgesetz“) und eine Fundsache: die Antwort der Preisträgerin des Wettbewerbs „Wie empfinde ich die deutsche Einheit?“ Sie lautete: „Meine Oma sagt: Das Beste an der Einheit sei die Marmelade und der Kaffee.“

Als „Seismograph für die Sorgen und Nöte“ der Bevölkerung war die Arbeit des Petitionsausschusses von den Folgen der Wiedervereinigung gekennzeichnet. Im vorigen Jahr kam jede dritte Eingabe aus den neuen Bundesländern. Zentrale Themen: Rehabilitierung und offene Vermögensfragen.

Doch auch die Zuschriften aus den alten Bundesländern beschäftigten sich vielfach mit „vereinigungsbedingten Problemen“. Mit dem Feiertag sind die Probleme nicht verschwunden.

Weil Bonn nicht Regierungssitz bleiben darf, wird am Rhein nun ein neuer Gedenktag begangen. „Ein Jahr danach“, erinnert der Leitartikel des Bonner General-Anzeigers an das Berlin-Votum vom 20. Juni 1991. Der Autor schwankt zwischen Lamento und Selbstaufrüstung: Eine Bundeshauptstadt könnte man ohne teutonische Völkerwanderungen auch so ausstatten, daß weder Bonn noch Berlin Schaden nähmen; von den „Milliardenkosten der Teilevakuierung von Bundes-Bonn“ ist die Rede. Und: „Jetzt in Bonn zu sein heißt, in der immer noch wichtigsten politischen Stadt in Deutschland zu sein und – vorausgesetzt, der Bundestag korrigierte sich nicht doch noch – an einem Ort zu sein, der ‚richtig liegt’.“ Stimmt das?

Selbstbewußt gibt sich auch der Bonner Oberbürgermeister. Am Abend der Abstimmung habe er gesagt, „Bonn wird diesen Beschluß leichter verkraften als Deutschland“; dabei bleibe er auch jetzt noch, ein Jahr später. Gisela Dachs