Von Hans-Joachim Müller

Artige Muster im Pflaster der Piazza. Jungbäume in Reih und Glied. Mehr architektonischer Dialog ist nicht zwischen dem neuen Museum und der neuen Kunsthalle. Was hätten sie sich auch zu erzählen, die Galerie da drüben und die Kunstboutique hier? Die Stimmung stiller Geistesgegenwart, die Museumschefin Katharina Schmidt zaubert, ist rasch erwürgt, wenn man sich den prätentiösen Gebärden überläßt, mit denen die "Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland" ihren Triumph über die Weltläufte feiert. Weder Bundesländervermehrung noch Hauptstadtentzug haben dem eitlen Plan etwas anhaben können, in Sichtnähe der Regierungsbüros einen Ort zu stiften, wo die vollschlank gewordene Nation ihre kulturellen Muskeln spielen lassen darf.

Eine "Intendanz", an ihrer Spitze der Schwede Pontus Huttén, ein erfahrener Praktiker der Ereigniskultur, soll die Renommierpakete der internationalen Kunstversandhäuser nach Bonn lenken oder selber solche Pakete schnüren. Geld spielt vorerst keine Rolle. Man gönnt sich ja sonst nichts. Im Herbst zum Beispiel wird ein Teil der Sammlung des New Yorker Museums of Modern Art in Peichls Palast beherbergt ("Von Cézanne bis Pollock"). Wenn Tausende jährlich über den Atlantik fliegen, um in Manhattan Midtown vor den Altären der Jahrhundertwendekunst zu opfern, dann scheint es doch nur recht, obzwar nicht ganz billig, daß die begehrten Bilder auch einmal zum treuen Bündnispartner nach Bonn reisen und dort ein bißchen Abglanz in die Tristesse der politischen Verwaltung bringen.

Den künftigen Tarif erklärt gleich zur Eröffnung des Hauses ein Showprogramm im Fünferpack, das am Veranstalterehrgeiz keinen Zweifel läßt. In einem tonnengewölbten Saal wird dem Architekten der Bundeskunsthalle eine akustisch gestützte Werkschau zuteil. Klaus Honnef hat ein "Pantheon der Photographie im 20. Jahrhundert" einrichten dürfen. Und legt uns daselbst einmal mehr die hartnäckig unbeantwortet gebliebene Frage vor, warum die Photographie immer noch unter dem Druck stehe, sich als ernsthafte Kunst legitimieren zu müssen.

Ohne Legitimation kommt ein anderes Ausstellungssegment aus, das "Erdsicht. Global Change" heißt und mit den Augen des kreisenden Satelliten die ziemlich verlebten Gesichter des Erdballs bestaunt und beklagt.

Ganz klagloses Staunen sind wir in den oberen Gemächern, wo Niki de Saint Phalle das kinderbunte Musterbuch ihrer gesammelten Stummel- und Quellkörper aufschlägt. Die ehemalige Muse der "Nouveaux réalistes" im Paris der frühen sechziger Jahre mag ja in der Erinnerung der Weggefährten Pierre Restany, Daniel Spoerri oder des seligen Jean Tinguely einen glücklichen Platz einnehmen; wie ihr nicht gerade unterhaltsames Gewerbe aber jemals in den Kunstverdacht geraten konnte, bleibt ungehobenes Geheimnis. Und es hat wohl schon der unbelehrbaren Freundschaft des Intendanten bedurft, um die "Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland" bis übers Dach mit dem Entenhausen-Look der Saint Phalle zu dekorieren.

Kernstück des Premierenverbunds ist aber Pontus Hutténs ganz private Meisterparade. "Territorium artis" versammelt an Hochkunst, was immer für Geld zu bekommen war. Wobei nicht die Subjektivität der Auswahl befremdet. Wobei nicht schmerzt, daß Wrubel offensichtlich über Beckmann siegt. Wobei vor allem bestürzt, wie die Inkunabeln der Prä- und Postmoderne der vorgeschriebenen Feierlaune auf dem Territorium artis subordiniert worden sind. Matisse im dunklen Eck und Beuys’ Filzanzug auf dem Boden und über seiner "Wanne" ein Nikisches Gehänge aus dem Hallenhimmel: Ob das wohl als Satire auf das Spektakelgelüst der deutschen Auftraggeber gemeint ist? Jedenfalls hat den Kurator niemand daran hindern können, seine ausgeliehenen Museumspreziosen so peinigend zu hängen und zu stellen, daß man sich auf dem Parcours der Highlights zuweilen überlegt, ob die Ausstellung womöglich beweisen will, daß auch Respektlosigkeit nur eine Frage der Zahlungsmoral ist.

Mit Freuden entnehmen wir der Agenturmeldung, daß wenigstens der Bundeskanzler die Bundeskunsthalle vor den Menschen draußen im Lande als "echtes Kleinod" bezeichnet habe. "Echtes Großod" hätten wir von Helmut Kohl ja auch nicht erwartet. (Territorium artis bis zum 20. September, Katalog 49,– DM)