Einige haben schon abgeliefert, andere schreiben noch. Nach dem „Scarlett“-Welterfolg gibt es kein Halten mehr. Was eine Routineschreiberin namens Alexandra Ripley auf dem Rücken von Margaret Mitchells Roman „Vom Winde verweht“ austrug, läßt andere nicht ruhen. Unbekannte Schriftsteller wagen sich an literarische Größen wie Emily Brontë, John Galsworthy, Boris Pasternak und Mark Twain. Sie wollen uns erzählen, was in den Romanen „Sturmhöhe“, „Doktor Schiwago“, „Forsyte Saga“ und „Huckleberry Finn“ nicht mehr berichtet wird.

Neu ist das Verfahren nicht. Kaum war Goethes „Werther“ auf der Welt und ein Erfolg, häuften sich schon die Parodien, die Um- und Fortschreibungen – unter denen Friedrich Nicolais „Freuden des jungen Werthers“ die bekannteste wurde. Fröhlich läßt Nicolai den jungen W. auferstehen. Zwar setzt der sich auch bei ihm die Pistole an die Schläfe, überlebt jedoch – und Albert gibt Lotte frei. Ende gut, alles gut: „In wenigen Monaten ward Werthers und Lottens Hochzeit vollzogen. Ihre ganze Tage waren Liebe.“ Schließlich kann Albert Werther auf die Schulter klopfen: „Freund! warst ein Weichling, bist nun ein Mann worden!“

Goethe fand das überhaupt nicht komisch. Außer sich vor Zorn verfaßte er eine lyrische Schmährede auf Nicolai. Hindern konnte er den Nachschreiber nicht. Auf die Idee, das Copyright an seiner Schöpfung anzumahnen, wäre er nie gekommen. Ein Urheberrecht in unserem Sinne kannte man im 18. Jahrhundert nicht.

Wem gehören Romanfiguren? Bei „Scarlett“ waren es Margaret Mitchells Erben, die nicht nur ihr Placet, sondern sogar den Auftrag zur Auferstehung der schönen Romanheldin gaben. Aber schon beim geplanten „Schiwago“-Revival gibt es Probleme. Die Fortsetzung soll im Herbst 1993 in London publiziert werden, der Titel wird mal mit „Lara’s Child“ und „Lara’s Daughter“ kolportiert. Die Weltrechte an Pasternaks Roman und seinen Figuren liegen freilich bis zum Jahr 2010 in Italien, und von dort hat sich die Verlegerin Inge Feltrinelli klipp und klar vernehmen lassen: „Lara will kein neues Kind.“

Gegen eines wird im übrigen kein Gericht der Welt vorgehen können: daß Schriftsteller auf eigene Geschöpfe aus älteren Büchern zurückgreifen und deren Leben weiterspinnen. Seit dreißig Jahren praktiziert das etwa der Amerikaner John Updike, der 1960 in seinem Roman „Rabbit Run“ die Figur Harry Angstrom eingeführt hat. Eine Fortsetzung war zunächst gar nicht geplant. Im Jahre 1971 nahm Updike den Faden zum ersten Mal wieder auf. „Die Leute hatten mich oft gefragt: Wie geht’s denn weiter mit Rabbit?“ Fortan schrieb Updike alle zehn Jahre einen neuen Rabbit-Roman und ließ seinen Helden entsprechend altern. Der vierte und letzte Roman („Rabbit At Rest“), ein glänzendes Finale, ist für diesen Herbst in deutscher Sprache angekündigt.

„Soll, darf man ihn wiederbeleben?“ Das fragte sich – in seiner „Rättin“ – vor wenigen Jahren auch Günter Grass und meinte niemand anderen als Oskar mit der Blechtrommel. Er fragte nur rhetorisch, und so mußten wir erfahren, was wir gar nicht unbedingt wissen wollten: „Unser Herr Matzerath hat allerlei und bald auch seinen sechzigsten Geburtstag hinter sich.“ Nicht immer, das zeigt die „Rättin“, ist eine Figur beim geistigen Urheber in den besten Händen.

Romanfiguren können sich weder ihre Eltern noch ihre Adoptiveltern aussuchen. Die Versuchung ist groß: auf bewährte literarische Gestalten zurückzugreifen – man muß sie beim Publikum nicht erst einführen. Es gibt nur eine Hoffnung: Es könnte sich schon bald herausstellen, daß ein Kommerzerfolg wie „Scarlett“ nicht beliebig wiederholbar ist. Erst wenn sich das Fortschreiben nicht mehr lohnt, werden die Originale ihre Ruhe haben. Volker Hage